Ein roter Plüschsessel und ein schwarzes Telefon im Retrolook in einem Hotelzimmer

Die Zukunft ist zurück.

Der Krieg war vorüber, das Leben leichter, die Menschheit flog auf den Mond und stieg auf zu neuen Höhen – in den 60er-Jahren schien alles möglich. Das äußerte sich auch im Design, mit spielerisch-futuristischen Möbeln, die mit ihrer verheißungsvollen Farbpracht ganze Räume in neue Welten verwandelten. Jetzt kommen die alten Zukunftsversprechen wieder zurück: über die Renaissance des Retrofuturismus.

Als am New Yorker Flughafen John F. Kennedy im Frühjahr mit viel Pomp das „TWA-Hotel“ eröffnete, fühlten Besucher sich in die goldenen Zeiten der Luftfahrt zurückversetzt: Das ehemalige Terminalgebäude mit den markanten Schwingen und dem Interieur aus einem Guss, von Eero Saarinen entworfen und 1962 eröffnet, wurde ordentlich herausgeputzt: Das Auge folgt geschwungenen Linien und satten Farben, die sich nicht nur in der Architektur, sondern auch in chilirot bezogenen Möbeln wiederfinden. Eine fast cineastische Dramaturgie macht das Hotel zum neuen Hotspot New Yorks – dabei sieht das Gebäude kaum anders aus als vor 50 Jahren.

TWA Hotel / Foto: MCR
1 Lampe von KARE Design
2 Uhr von Acctim
3 Wall Art von Triboa Bay
4 Roboter von Blechfabrik
5 Stuhl von Rosenthal
6 Vase von Broste Copenhagen

Diese anachronistisch-nostalgische Reminiszenz ist das jüngste Beispiel eines Trends, der im Interior Design ein Comeback erlebt, obwohl er doch eigentlich die Gegenwart abbilden sollte: Retrofuturismus. Vergangene Visionen einer fernen Zukunft, in Form bauchiger Möbel und organischer Wohnlandschaften, galaktischer Leuchten, Wandpaneelen aus Metall oder kleinen Accessoires wie Robotern aus Blech. Manchmal sind es „echte Kinder“ der Sechzigerjahre – oder Stücke, die ihre Form aufgreifen, wie der cognacfarbene Sessel „Hold“ von Thomas Probst für Rosenthal oder die Wanduhr „Meta“ von Acctim, die an die ikonografischen Uhren von George Nelson aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren erinnert. „Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte ein großer Optimismus. Alle Menschen brauchten Kühlschränke und neue Konsumgüter“, sagt Matt Novak, der sich in seinem Blog „Paleofuture“ vergangenen Zukunftsvisionen widmet. „Die Anzeigen aus dieser Zeit verkauften den Menschen eine bessere Zukunft.“

25hours Hotel The Circle / Lobby / Foto: Steve Herud

Traum von einer besseren Welt

Die Entwürfe dieser Zeit, sagt Novak, basierten allesamt auf der Unzufriedenheit mit dem Status quo. Verantwortlich für die extravaganten wie unterhaltsamen Einrichtungsgegenstände waren auch die gerade aufkommenden Massenmedien – ein Mechanismus, der sich heute mit dem Internet wiederholt, wo auch kleine Accessoires wie Notizbücher im Metallic-Look oder raketenförmige Eierbecher ihren großen Auftritt haben können. „Analoge Orte müssen sich anstrengen, um mit der digitalen Welt Schritt zu halten“, sagt auch Werner Aisslinger, der das kürzlich eröffnete 25 hours Hotel „The Circle“ in Köln gestaltet hat. Die Lobby erinnert eher an ein Raumschiff als ein Hotel, die kreisrunde Rippendecke wirkt wie eine riesige Turbine. Früher war in diesem Bau von 1966 die Zentrale eines Versicherungskonzerns untergebracht.

Dresz
Nuuna
1 Sodamaker von iSi
2 Eierbecher von Sebastian Frank
3 Cocktail-Shaker von Jeray/Original Products
4 Beistelltisch von Pin Jang
1 Sodamaker von iSi
2 Eierbecher von Sebastian Frank
3 Cocktail-Shaker von Jeray/Original Products
4 Beistelltisch von Pin Jang

„Wir greifen die Zeit der Utopien und der Technikbegeisterung in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auf, als die Menschen von einer besseren Zukunft und dem Leben auf dem Mars träumten“, sagt Aisslinger. Es war die Zeit der Wirtschaftswunderjahre, Verner Panton entwarf damals ganze Wohnlandschaften, die die Lebensfreude der Zeit spiegelten. Sein „Panton Chair“ gehört bis heute zu den Bestsellern des Herstellers Vitra, und der dänische Hersteller Montana hat vor wenigen Monaten das Sitzprogramm „Pantonova“ wieder aufgelegt, auf dem schon der Bond-Bösewicht in „Der Spion, der mich liebte“ saß.

Marni flagship store in Tokyo
Partykeller von Verner Panton / Foto: Stefan Oláh

Neue Wohlfühlorte zum Arbeiten und Leben

Auch andere futuristische Entwürfe aus den Bond-Filmen dieser Zeit, von Designern wie Pierre Paulin und Bodil Kjær, werden nach jahrzehntelanger Pause wieder aufgelegt. „In futuristischen Filmen wie ‚Iron Man‘ und ‚The Avengers‘ werden bis heute die Entwürfe meines Vaters genutzt“, sagt Benjamin Paulin, der die Möbel von Pierre Paulin heute produziert. „Das ist doch interessant: Seit den Sechzigern scheint sich die Vision unserer Zukunft nicht verändert zu haben, und wird es die nächsten Jahrzehnte vermutlich auch nicht.“ Die Menschen sehnen sich gerade in turbulenten Zeiten nach dem Optimismus von damals, vermutet Paulin.

1 Garderobenständer von DesignBite
2 Lampe von Piffany
3 Spiegel von Tre Product
4 Hocker von Umbra
25hours Hotel The Circle / Das "extra große" Zimmer
TWA Hotel / Foto: MCR

Obwohl die Möbel Lust auf eine Zukunft machen, die immerfort zu werden scheint, aber doch stets unerreichbar bleibt, hatten die visionären Designer der Sechzigerjahre am Ende Recht: Wir leben heute in ihren Welten; nur anders, als sie es sich erträumt hatten. In der Lounge des „TWA-Hotels“ etwa steht eine Schreibmaschine von Olivetti, auf den Zimmern Telefone mit Wählscheibe; der Lautsprecher „Elegance“ von Acousticbox sieht aus wie ein altes Grammophon, die Leuchte „Doelan“ von Flam & Luce wie aus einem Bond-Film der Sechziger.

1 Tasche von Perstorp Design
2 Ring von Alessi
3 Lampe von Flam & Luce
4 Lautsprecher von Acoustibox

Die Ausstaffierung unserer Welt mit auffälligen Hifi-Geräten, Schreibmaschinen und Leuchten im Retro-Look ist eher nostalgisch statt zukunftsgewandt, obwohl wir es mittlerweile doch besser wissen müssten (oder Technik auch viel einfacher kaschieren könnten). Sehnsüchtig nach einer Zeit, in der alles möglich schien, und nach dem Versprechen einer glorreichen Zukunft, in die man der Ungewissheit der Gegenwart entkommen kann. „Die gesamte Büro- und Arbeitswelt wird sich drehen“, sagt Werner Aisslinger: „Die Produktion in Fabriken wird automatisiert, und alle Menschen, die noch arbeiten, werden das an neuen, effizienten Wohlfühlorten tun.“ Wie diese Orte aussehen werden? „Das gilt es zu erfinden.“ Vielleicht sind die Zukunftswohnwelten von damals ein erster Schritt: komfortabel, aufregend, spielerisch.

Giobagnara
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