Handmade Soul.

Ayush Kasliwal, einer der führenden Produktdesigner Indiens, kuratiert die Ambiente Partnerlandpräsentation 2019. Seine Entwürfe schöpfen aus den Schatzkammern des traditionellen Handwerks und zeigen zugleich der Welt, wie ein Bekenntnis zur Moderne aussieht. Mit Stolz zurück in die Zukunft heißt das, und das Ergebnis ist ein überraschend urbaner Minimalismus mit ganz viel indischer Seele. Was Überliefertes für mehr Nachhaltigkeit tun kann, erklärt er im Interview.

AKFS Studio

Indiens Millionenmetropole Jaipur ist bekannt für grandiose Sehenswürdigkeiten. Moderne Bauwerke, Industrie und historische Palastfassaden wechseln einander ab. In dieser Stadt der vielen Gesichter gründete Ayush Kasliwal nach seinem Studium am National Institute of Design in Ahmedabad, der führenden Designakademie des Landes, das AKFD Studio für Produktdesign. In seinen Entwürfen kombiniert der 44-Jährige lokales Handwerk, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat, mit zeitgenössischer Ästhetik. Handwerker und Künstler in ganz Indien setzen seine Ideen um. Inspiriert von traditionellen Teigknetschüsseln kreierte Ayush Kasliwal Beistelltische, die komplett – vom nachhaltigen Mangoholz über den recycelbaren Stahl der Beine bis hin zur umweltfreundlichen, wasserbasierten Lasur – dem Nachhaltigkeitsgedanken folgen. Die „Bowl“-Tischplatte wird dabei von den Kharadi, einer alten indischen Drechslergemeinschaft, manuell in die richtige Form gebracht.

Sie studierten Möbeldesign. Und das in einem Land, das keine gewachsene Möbelkultur besitzt.

„Stimmt. Bis vor 50 Jahren gab es in den meisten indischen Häusern keine Möbel, man saß auf dem Boden, so war es Tradition. Originelle Neuinterpretationen interessieren mich. Der ‚Bowl Table‘ ist ein Beispiel dafür. Dank der abnehmbaren Beine kann er auch als großes Tablett oder Schüssel eingesetzt werden. Im Design passt sich der Tisch der reduzierten skandinavischen Formensprache an. Ich habe ihn für ein dänisches Label entworfen, unser Studio denkt global.“

Wie ist Ihr Heimatland in den Designs zu erkennen?

„Neben den teils sehr alten Techniken sind es die Werkstoffe, die mich inspirieren, auch wegen ihrer natürlichen Farbigkeit. In erster Linie die Hölzer, auch Kupfer, Messing, Bambus und die Jute-Faser. In der Verarbeitung dieser Materialien hat Indien eine lange Tradition. Außerdem spielen Farben eine große Rolle. Etwa Indigo, eine zentrale Farbe von alters her. Für mich ist bei allem ‚handmade‘ die naheliegende Wahl, denn in Indien haben wir riesige Ressourcen und unglaublich talentierte Handwerker.“

Gibt es Entwürfe, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

„Preisgekrönte Designs nehmen sicher einen besonderen Platz ein. Zum einen der ‚Trinetra‘-Teelichthalter, ein Trio handgeschmiedeter Messingschalen. Shivas drittes Auge der Erleuchtung ist die Idee dahinter. Innen mit Marmor-Teelichthaltern ausgestaltet, sehen die kleinen Schalen tatsächlich aus wie mystische Augen. Die Fähigkeiten lokaler Thathera-Metallhandwerker sind hier eingeflossen. Das Design erhielt den ‚UNESCO Award of Excellence‘. Und dann ist da noch der minimalistische ‚Shiva‘-Kupferkrug mit Tablett und Bechern. Das Set gewann 2017 den ‚Elle Decor International Design Award (EDIDA)‘.“

Welches Credo begleitet Sie?

„Objekte sind Botschaften in physischer Form. Alle Dinge um uns herum, sagen, wer wir sind, und diese Botschaft ist genauso wichtig wie das Objekt selbst. Unser Studiocredo lautet: Niemals mehr als nötig, niemals weniger als Schönheit. Wir behandeln die Unterseite eines Stuhls nicht anders als seine Schauseite – das macht ehrliches Design aus. Nachhaltigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Philosophie. Wenn ein Mensch zu einem Objekt eine emotionale Bindung spürt, kann das die Nachhaltigkeit fördern. Wie lange schätzen Sie ein Objekt, zu dem Sie keine Beziehung entwickeln? In der Regel kurz. Darum entwerfen wir Produkte, die Bindung erzeugen.“

Wer als Tourist am Indira Gandhi International Airport in Delhi ankommt, wird sie im Terminal 3 kaum übersehen können – die Wand-Installation „Canyon Wall“ mit ihren kupferfarbenen Scheiben und mehreren gigantischen Mudra-Händen über den Köpfen der Passagiere. Jeder Inder versteht die Symbolik der einzelnen Gesten, ihr Ursprung liegt im klassischen indischen Tanz. Geradezu hypnotisch ist ihre Wirkung in der großen Halle. Designer Ayush Kasliwal, betraut mit der Ausführung des ikonischen Monuments, erinnert sich an die Herausforderung: „Die Skulpturen der Hände sind aus Fiberglas und Harz, die Scheiben aus kupferbeschichtetem Aluminium. Im wahrsten Sinne großartig. Als Ganzes steht die Installation für ein säkulares, multikulturelles Indien mit einer reichen Handwerkstradition.“

Alle dort gezeigten Mudras haben mit Kommunikation zu tun. Welches ist Ihr Favorit?

„Abhaya Mudra. Diese Geste steht für Furchtlosigkeit. Es handelt sich dabei um die erhobene, offene rechte Hand, die einem Empfänger Segen zukommen lässt. Mit der ‚Canyon Wall‘ zeigen wir der Welt, was typisch für Indien ist. Mudras, Tanz und Yoga, das ich selbst praktiziere, sind ein Teil dessen. Ich bin Jain und in dieser Religion ist ‚Ahimsa‘ eine wesentliche Lehre. Das Sanskrit-Wort bedeutet ein vollkommenes Abstandnehmen davon, irgendeinem Lebewesen Schmerz oder Leid zuzufügen, in Gedanken, Worten und Taten.“

Was ist in Ihrem eigenen Zuhause typisch indisch?

„Die Blumen in unserem kleinen Garten. Darin wachsen Rosen und Ringelblumen (Marigold), deren Orange sich in vielen indischen Designs wiederfindet. Indien ist sehr sinnlich, wir lieben Düfte und Haptiken. Ein Zuhause sollte ein Ort der Entspannung sein, ich genieße das Haus mit meiner Frau Geetanjali, sie ist Architektin, und drei Töchtern. Jeder Raum gehört allen.“

Hawa Mahal, Foto: Andrea Moroni
Jawahar Kala Kendra, Foto: Kshipra Vairagade

Was sollten Besucher in Jaipur nicht versäumen?

„Die ‚Pink City‘! Bevor die Altstadt 1876 anlässlich eines Besuchs des Prince of Wales in Rosarot – der Farbe der Gastlichkeit – gestrichen wurde, hatte jede Straße ihre eigene Farbe. Jaipur ist warmherzig, lustig und chaotisch. Möchten Gäste die Themen Handwerk und Design vertiefen, sind sie im ‚Jawahar Kala Kendra‘, ein vom indischen Star-Architekten Charles Correa entworfenes Kulturzentrum, richtig.“

Ayush Kasliwal sieht die Zukunft handgemacht. Für sein Land sei das eine große Chance, was er unterstütze: „Viele der Handwerksökosysteme in Indien existieren noch und wurden nicht vollständig von der Massenproduktionsindustrie übernommen.“ Frisches Design und Tradition schließen sich für ihn nicht aus. Seine „Maahi Kool Bottle“ macht es vor – der von überlieferten Gefäßformen inspirierte Flaschenkörper ist aus Terracotta, wodurch Flüssigkeiten lange kühl bleiben, der originelle Verschluss ist gedrechseltes Palisanderholz. Neben der Kleinserienfertigung und Aufträgen mit kunsthandwerklichem Anspruch widmet sich sein Studio auch dem Interior Design von Luxushotels, etwa das „Narendra Bhawan“ in Bikaner, eine ehemalige Maharadscha-Residenz. Dort konnte er, was die traditionellen Handwerksressourcen angeht, aus dem Vollen schöpfen.

Narendra Bhawan Hotel

Wie stellt sich indisches Design heute dar, welche Trends sind spürbar?

„Modernes Design steckt noch in den Kinderschuhen. Junge Designer versuchen westliche Einflüsse zu übernehmen, zugleich drückt sich in ihren Entwürfen ein starkes Heimatgefühl aus. Für ein Land wie Indien, dessen kulturelle Vielfalt so enorm groß ist, kann aber der ‚eine‘ Trend oder die ‚eine‘ Farbe kaum bestimmt werden.“

Haben Sie unter den indischen Designern ein Vorbild?

„Eindeutig Rajeev Sethi. Seit Jahrzehnten ebnet er durch seine Arbeit in den Bereichen Design und Architektur, Performances und Festivals, viele Wege, um den traditionellen Fähigkeiten von Kunsthandwerkgemeinschaften und kreativen Fachleuten zeitgenössische Bedeutung zu verleihen. Seine Arbeiten sind wunderschön und repräsentieren Indien visuell sehr stark. Auch gelingt es ihm, eine Brücke zwischen Story und Produkt zu schlagen. Charles und Ray Eames sowie Hans J. Wegner sind Vorbilder aus Europa.“

Wie hat sich der indische Markt für Interior Design in den letzten Jahren verändert?

„Er hat sich beachtlich weiterentwickelt. Waren früher Interior Designer schwer zu finden, gibt es heute viele gute Leute. International gesehen wird indisches Interior Design zunehmend wahrgenommen. Besonders in Italien zeigt man großes Interesse.“

Sie planen für die Partnerlandpräsentation zwei Bereiche: das Handgemachte und die Tradition. Wie wird uns die Schau überraschen?

„Wir zeigen die Objekte in einem galerieähnlichen Format beleuchtet, farblich dominieren in der Schau schlichte indische Töne. Die Produktauswahl verdeutlicht, dass ‚Handmade‘ die Stärke Indiens ist. Zu sehen sind Produkte, die entwickelt wurden, um den heutigen Erwartungen eines internationalen Publikums zu entsprechen, daneben präsentieren wir eine breite Palette an authentischen, klassischen Originalen. Im zweiten Bereich stellten wir etablierte Handwerksunternehmen vor, aber auch solche, die erstmals einen großen Auftritt haben. Dabei werden deren Arbeitsweisen und Produktionstechniken hervorgehoben. Die hochmoderne Ästhetik vieler Produkte wird das Fachpublikum begeistern.“

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