Upcycling-Handwerk-Produktdesign-Newcomer-Nachhaltig

Second Life: Wertstoffe in neuem Gewand.

Ressourcenschonung, saubere Herstellung, kurze Transportwege und faire Entlohnung sind die Kriterien von Nachhaltigkeit. Doch wahrer „Ethical Style“ entwickelt Designs, die sich mit dem großen Ganzen verbinden – diese Talents denken über den eigenen Tellerrand hinaus.

Gib Zunder!
Ein ganz „reiner“ Naturstoff ist der Zunderschwamm. Das ist ein Pilz, der etwa auf Birken oder Buchen wächst, sich von kranken Bäumen ernährt und diese zersetzt. Nina Fabert hat sich während ihres Masterstudiums an der Kunsthochschule Berlin Weißensee vor allem mit neuen Materialien beschäftigt und stieß dabei auf die Pilze. Durch Klopfen wird der Baumpilz gelockert und weich gemacht, bis er dehnbar wird und sich wie ganz weiches Leder anfühlt. Dieses händische Verfahren hat eine lange Tradition und wird heute noch vor allem in Rumänien betrieben, von wo Fabert das Leder für ihre Produkte bezieht.

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Nina Fabert-Kunsthochschule-Berlin-Materialien-02

Fabert zeigt u. a. eine weiche Cap, die ohne Zusätze auskommt, und einen Handschuh. Der könnte für Neurodermitiker interessant sein, da dem Pilz diesbezüglich lindernde Eigenschaften zugesprochen werden. Kein Wunder, dass sich Medizin und Kosmetik momentan verstärkt für den Baumpilz interessieren. Doch der Schwerpunkt von Zabert und ihrer frisch gegründeten Firma Zvnder [sic!] liegt noch auf der Erkundung des Materials an sich, steckt dieses doch voller Wunder. Etwa wenn man jenes samtige, dunkelbraune Stück Zunderschwamm gegen das Licht hält und bei entsprechendem Lichteinfall plötzlich hindurchschauen kann. Produkt oder Kunst? Das ist für Fabert oftmals noch die Frage. Liebevoll streicht sie über das kleine Zunderstück, und aus jedem ihrer Worte und Gesten spricht die Hochachtung vor dem, was die Natur uns in den Schoß hat fallen lassen.

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Den nächsten Schritt gleich mitdenken
„Punāh“ ist Sanskrit bzw. Hindi und bedeutet „wieder“. Und es ist der Name eines innovativen Projektes des indischen Konglomerats Godrej & Boyce, das über 600 Materialien produziert, von Arbeitskleidung bis hin zu Flugzeugteilen. Dabei fällt eine ganze Menge Industrieabfall an, der nun durch das Punāh Project umgehend wiederverwertet wird. Hier kommt Sophie Rowley ins Spiel. Seit Juni 2016 ist die deutsche Materialdesignerin mit neuseeländischen Wurzeln in Mumbai und entwirft neue Materialien und Gegenstände aus Abfallmaterial. Ein aufwändiger Vorgang. Sie stellt Samples her, die dann weiter in die Produktion gereicht werden.

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Aluminium, Stahl, Kupfer und Bronze, das sind nur einige der recycelten Edelstoffe, mit denen Rowley arbeitet. Selbst wenn sie zu Demonstrationszwecken einfach nur kompakt gepresst sind, wirken die Materialien attraktiv, wie ein kleines Kunstwerk. Vor allem geht es aber um praktische Neuverwendung. So stellt Rowley auf der Messe eine Tischleuchte vor, bei der Kupferdrähte ausrangierter Motoren mit Harz kombiniert sind und die einen warmen Lichtschein erzeugt. Auch Feineres, Modisches wird präsentiert: etwa eine edel schimmernde Abendhandtasche oder ein Paar Schuhe, beides mit kleinen Metallabfällen ehemaliger Kaffeemaschinen überzogen. Mehr als 18.500 Tonnen Reststoffe fallen bei dem Konglomerat jährlich an – wie gut also, dass Godrej in seinem eigenen Innovationszentrum den nächsten Schritt schon gleich mit berücksichtigt.

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Das heiße Innere der Erde
Altes zurückfordern, das ist ihre Mission. Mit Baumscheiben und geschmolzenem Stahl kreiert Advaeita Mathur Möbelstücke, die eine starke Präsenz haben. Als Inspiration diente ihr der Kern unseres Planeten. Dessen Inneres besteht aus Metallen von enormer Dichte, und welch explosive Kraft unter der Erdoberfläche steckt, erleben wir zuweilen bei Vulkanausbrüchen, wenn sich heiße Lava ins Umland ergießt. Mathur suchte nach einer Möglichkeit, diese Urgewalt und zugleich den Zusammenhang von Zerstörung und Kreation, von Festem und Flüssigem zu erfassen. Die amorphen Formen von den Scheiben bereits gefällter Tropenbäume und verflüssigter Altmetalle erwiesen sich als idealer Werkstoff.

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Während auf den Spiegeln das Metall zu dekorativen Strukturen drapiert ist, kommt bei den Tischen die glatte, fließende Qualität des Stahls zum Tragen. Wie Wasser wirkt somit das Zentrum der – recht gewichtigen – Beistelltische. An ihnen lassen sich die Beine aus solidem Messing abschrauben, sodass man die Höhe entsprechend variieren kann. Seinen Glanz erhält die Holzoberfläche durch einen Klarlack-Überzug. Auch Schmuck fertigt Mathurs Firma Studio Metallurgy: Die zierliche Inderin trägt eine wunderbare Kette aus verflüssigtem und körnig geronnenem Altmetall, die aussieht wie eine große silberne Koralle.

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