Future Therapy.

Um auf dem globalen Markt zu bestehen, sind traditionsreiche Manufakturen aufgefordert, Grenzen aufzubrechen. Modernisiertes Dekor und neue Produktlinien sind Teil ihrer Strategie. Von der Balance zwischen Herkunft und Zukunft profitieren auch Gastronomie und Hotellerie. Man muss kein Alchemist sein, um die Geheimnisse dieser Verjüngung zu lüften – wir stellen Wege vor, mit denen Manufakturen in die nächste Design-Generation gehen.

Junge Lebensgefährten

Wandteller mit Gesichtern im Street-Look, hier und da ist ein Piercing zu sehen. Ist das wirklich Meissener Porzellan? Ja, und zwar unerhört frech. Die sächsische Manufaktur übertrug dem Designerduo Odeeh, das eigentlich in der Mode beheimatet ist, die Gestaltung einer limitierten Tellerserie. Eine Henkelbecherkollektion zog nach, bemalt mit Kussmündern und Dekoren aus der 300-jährigen Firmengeschichte. Auch Neuinterpretationen des eigenen Fundus, etwa ein barocker Amor mit Skater-Shirt, liebäugeln mit einem jungen Publikum, das Exzentrik als Coolness und limitierte Objekte als Begehrlichkeiten wahrnimmt. Alltagsnähe trifft bei Manufakturporzellanen zunehmend den richtigen Ton, die kostbaren Stücke kommen auf den Tisch und nicht mehr in die Vitrine. Dafür gibt man wie das 1653 gegründete Unternehmen Royal Delft schon mal das typische Schnörkelwerk auf. Deren minimalistische Serie „Blue D1653“ verrät nur mit einem winzigen, aber gut sichtbaren blauen Detail ihre noble Herkunft. Um Studierenden und Foodies mit schmalem Geldbeutel feinstes Geschirr schmackhaft zu machen, schaut die Manufaktur Gien weit über den sprichwörtlichen Tellerrand, indem sie auf Basis ihrer Dekore aus dem 19. Jahrhundert eine Linie auf den Markt brachte, die exklusiv von einer französischen Discounter-Kette vertrieben wird.

Royal Delft, Foto: Marie Cécile Thijs
Meissen
Gien
1 Tasse von Meissen // 2 Porzellanfigur von Meissen // 3 Tasse von Royal Delft

Grüner Fußabdruck

Das eigene Brot backen. Wie früher Gurken einmachen und Kraut fermentieren. Das Wissen um solche Handgriffe erlebt angesichts des steigenden Umweltbewusstseins ein breites Revival, worauf auch Porzellan- und Keramikhersteller reagieren, etwa mit dem Relaunch bewährter Serien. Mit den Schüsseln der dänischen Marke Knabstrup Keramik, die es jetzt in verschiedenen Größen und Farbglasuren gibt, kann man nach guter alter Art Teig kneten, aber auch zum Anrichten von Pasta und Salat sind sie wie geschaffen. Die 1897 gegründete Manufaktur setzt nach einer jahrelangen Schließung auf einen Mix aus alten und von jungen Designerinnen frisch entwickelte Geschirr- und Vasenkollektionen. Keramik aus der Serienproduktion steht hierbei vollwertig neben unverwechselbaren Stücken. Die Sehnsucht nach Nachhaltigkeit und Langlebigkeit spielt dem Erfolg dieser schönen Objekte in die Hände. „Respect de la nature“ formuliert für die in Frankreich führende Traditionsmanufaktur Deshoulières seit jeher den Maßstab für das Savoire-faire. Ihr elegantes Porzellan unterliegt noch heute strengsten Rohstoffanforderungen und die Hochleistungsöfen sind so reguliert, dass sie den Gasverbrauch minimieren. Fazit: Tue Gutes für die Umwelt und erneuere das Erbe unter ästhetischen Aspekten – an diesen ökologischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten kommt keine Manufaktur, die sich vorgenommen hat, das beste Produkt seiner Gattung zu fertigen, mehr vorbei.

Knabstrup Keramik
1 Vase von Knabstrup Keramik // 2 Teller von Deshoulières

Exzentrisches für den Export

Für europäische Porzellanmanufakturen stand der globale Markt früh im Fokus – man beteiligte sich an Weltausstellungen und belieferte Herrscherhäuser und Prominente, wodurch der Ruf fundiert wurde. Zu den Big Playern gehört seit 1826 das ungarische Unternehmen Herend, das berühmt ist für sein „Fishnet“-Design. Das unverkennbare Dekor wird freihändig und ohne Vorlage von Hand gezeichnet und ausgemalt. Was schon der englischen Königin Victoria gefiel, begeistert heute eine große Fangemeinde in Asien und in den arabischen Ländern, wo besonders prunkvolle Porzellane sehr gefragt sind. Landestypische Tiersymboliken berücksichtigt die Manufaktur dabei ebenso wie das eigene Produktarchiv. Sich aus der Isolation auf den weltweiten Markt einzustellen, gelang vorbildhaft der Imperial Porcelain Manufactory (Kaiserliche Porzellanmanufaktur St. Petersburg), welche zurückgeht auf eine von Zarin Elisabeth im Jahr 1744 initiierte Manufaktur. Nach der Oktoberrevolution wurde der Betrieb verstaatlicht und erhielt einen neuen Namen. Erst mit ihrer Privatisierung gelang es der Manufaktur, sich als Exporteur im großen Stil zu etablieren, vor allem in den USA und in Japan sind die wieder ins Programm genommenen Zarenporzellane und die Avantgarde-Entwürfe der frühen 1920er Jahre hochbegehrt. Bis heute wird das legendäre Kobalt-Netz-Service – 1949 dem ersten Service von Katharina II. nachempfunden – handbemalt produziert.

1 Teller von Herend
2 Vase von Herend
3 Tigerfigur von Herend
4 Vase von Imperial Porcelain Manufactory
5 Tasse von Imperial Porcelain Manufactory

Partner für Fine Dining

Schritt halten mit Zeitgeist, Hightech und Food-Trends wird in der Ausstattung von Hotels, Restaurants und Catering-Unternehmen immer wichtiger und umfangreicher. Dekore und Formen aus der frühen Moderne erleben aktuell eine Renaissance, und in einigen Fällen rettet dieser Rückblick sogar Unternehmen. In den Werkstätten von Hedwig Bollhagen – Grande Dame der Bauhaus-Keramik – arbeiten neue Eigentümer daran, den Betrieb vor den Toren Berlins stärker wirtschaftlich aufzustellen, indem etwa im Archiv entdeckte Interior-Designs, die für die Hotellerie interessant sind, aktiviert wurden. Mit dem Einstieg neuer Investoren baute die Kupfermanufaktur Weyersberg ihren Spitzenruf in der Gastronomie weiter aus – wie die Kupferschmiede Ruffoni wertet das deutsche Unternehmen seine unnachahmlichen Kochgeschirre permanent mit technischen Neuerungen auf. Exportiert wird viel ins kupferverliebte Frankreich und überall dorthin, wo Showküchen stilvolle und energiesparende Ausstattung benötigen. Um speziell den Bedürfnissen der Haute Cuisine gerecht zu werden, kreierte Meissen in 2019 erstmals eine Linie für die exklusive Speisenpräsentation. So sorgen die verstärkten Böden des reinweißen Geschirrs für eine lange Wärmespeicherung, außergewöhnlich hart ist das Bisquitporzellan außerdem.

Meissen
Meissen
1 Vase von Hedwig Bollhagen
2 Rührschüssel von Kupfermanufaktur Weyersberg
3 Kupfertopf von Ruffoni
Hedwig Bollhagen
1 Brotmesser von Güde Solingen // 2 Taschenmesser von Laguiole en Aubrac // 3 Kellnermesser von Laguiole en Aubrac

Nischentreue

Wenn ein Tafelbesteck die Punzierung „R&B“ trägt, ist damit neben qualitätsvollster Handarbeit eine Ikone zum Anfassen ausgewiesen. Die Meisterstücke der Flensburger Silbermanufaktur Robbe & Berking, 1874 gegründet und seit Jahrzehnten Weltmarktführer für Silberbesteck, sind nicht nur in Luxushotels und auf Kreuzfahrtschiffen das Nonplusultra des Fine Dining. Moderne Formen in Silber statt Stahl hieß nach dem Zweiten Weltkrieg das Erfolgsrezept und ist es noch heute. Der Familienbetrieb bedient geradlinig eine Nische, in der Tradition und Luxus beständig hoch im Kurs stehen, beispielsweise ordern repräsentative Regierungssitze regelmäßig. Nischentreue zahlt sich erwiesenermaßen für alte Schmieden aus, beste Beispiele sind die Solinger Messermanufaktur Franz Güde, die 1910 den Wellenschliff für Brotmesser erfand, und die französische Kultmarke Laguiole en Aubrac, wo man 1829 mit der Herstellung von kunstvollen Taschenmessern begann. Deren Produkte wurden im Laufe der Jahre stetig weiterentwickelt, die Hochachtung vor der eigenen Geschichte blieb stets sichtbar. Nicht zuletzt ihr entschiedenes Nein zur Wegwerfgesellschaft macht solche Traditionalisten zu wichtigen Protagonisten. Viele jüngere Manufakturen reihen sich in dieses Credo ein, die deutsche Mono Besteck- und Edelstahlmanufaktur ist dahingehend ein Vorreiter. Deren erstes Besteck „mono-a“, vor gut einem halben Jahrhundert von Designer Peter Raacke entworfen, bestand aus jeweils einem einzigen Edelstahlblock, quasi ohne Materialverlust, ressourcensparend und ökologisch wertvoll, lange bevor nachhaltiges Denken ein globales Thema war. Auf dekorative Gestaltungselemente wird bis heute radikal verzichtet; Editionen in Titan, Sterling oder mit Goldauflage verkörpern indes eine besondere Wertschätzung für die „Kunst des Weglassens“. Gestalter Mark Braun holte nun den Klassiker „Mono Ring“ aus dem Jahr 1962 mit spülmaschinenfestem Polyamid in die Gegenwart, womit das sachliche Besteck endlich auch ein Essential für Bistros wird.

1 Besteck von Mono // 2 Besteck von Robbe & Berking
Mono

Auf lange Sicht

Basis einer erfolgreichen Manufaktur ist ihre große Historie, die über gezieltes Storytelling weltweit Begeisterung für Tradition und Kunsthandwerk weckt. In Museumssammlungen der modernen und angewandten Kunst vertreten zu sein, dürfen sich die allermeisten Traditionsmanufakturen auf die Fahnen schreiben. Neue Kollektionen von beeindruckender Perfektion machen die Marke für eine Zielgruppe nahbar, die sich zunehmend für Essen und Interior interessiert. Wer seine Kernkompetenzen stärkt, hält auch bei zeitgemäßen Interpretationen und Produktlinien in Serienproduktion die eigene DNA lebendig. Vor allem wird ein Produkt nicht um jeden Preis der modernen Technik angepasst, sondern es kommt Technik zum Einsatz, die das Produkt weiter verbessert.

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