Brasilien is back.

Brasilianisches Design hob sich schon in der Nachkriegszeit von Kreationen ab, die in den Vereinigten Staaten oder Europa hergestellt wurden. Denn die Designer aus Brasilien orientierten sich nur zu gerne an der Landschaft und Historie ihres Landes, obwohl sie damit von den üblichen Vorlieben des Mid-Century für weitaus mildere Formen stark abwichen. Eines der besten Beispiele ist der von Sergio Rodrigues entworfene robuste Mole Sessel aus Holz und Leder, der an die Möbel der Zuckerplantagen im Kolonialstil und die Gaucho Kultur des Landes erinnerte – und in den 60er-Jahren zu einer internationalen Designikone wurde. Auch in der Architektur prägen die kühnen, geschwungenen Formen aus der damaligen Zeit bis dato unsere Vorstellung von Rio de Janeiro, Brasília oder São Paulo.


Heutzutage ist Design aus Brasilien in Europa jedoch hauptsächlich Insidern ein Begriff. Nach den größten Namen der brasilianischen Gestalter wie Oscar Niemeyer, Carlos Motta und Lina Bo Bardi wissen meistens nur noch die wahren Kenner weiter. Dabei ist Brasilien eine facettenreiche Designnation; Designschulen gibt es in jeder relevanten Stadt und immer mehr brasilianische Konzepte und kreative Köpfe werden mit prestigeträchtigen Preisen ausgezeichnet. Vor allem die derzeitige Designgeneration legt dabei Visionen zu Tage, die den europäischen Trends zur Handwerkskunst, dem Spagat zwischen Tradition und Moderne sowie heimischer Zwanglosigkeit ziemlich gut entsprechen. Wir haben fünf Designstudios dieser neuen Designgeneration Brasiliens, die auch die Hauptdarsteller der ersten Auflage von Focus on Design auf der Ambiente 2020 sein werden, genauer unter die Lupe genommen.

Lina Bo Bardi, Sesc Pompeia in São Paulo, Brasilien, © Pedro Kok
„Niemeyer Eye”, Oscar Niemeyer Museum in Curitiba, Brasilien
„Mole” von Sergio Rodrigues, © LinBrasil

Nachhaltig und akribisch verspielt

„Ich denke, dass Nachhaltigkeit heutzutage für jeden Designer Pflicht ist”, sagt Bianca Barbato aus São Paulo, die sich auf die Entwicklung von Möbeln und Leuchten spezialisiert hat. „Mir jedenfalls liegt dieses Thema sehr am Herzen und ich integriere es deswegen auch sichtlich in meine Entwürfe. Meine Kollektion Lixo (auf deutsch: Müll) beispielsweise zeigt verspielte Tischlampen, die ich auf weggeworfene Plastikflaschen aus Messing-Gussformen montiert habe. Mit Lixo prangere ich die mangelhaften Recyclingrichtlinien in unserer Hauptstadt an”, erklärt die Designerin aus Brasilien.

Bianca Barbato

Ihre Aufträge reichen von limitierten Auflagen bis zu industriell gefertigten Serienkollektionen. Techniken und die Verarbeitung neuer Materialien lernt sich die Autodidaktin durch eigens durchgeführte Experimente selber an. Und wie sieht ein typischer Gestaltungsprozess ihrer teilweise futuristisch anmutenden Entwürfe aus? „Der Ursprung meiner Arbeit entsteht stets aus einer persönlichen Geschichte oder Erinnerung. Meine Entwürfe sollen zwar zweckmäßig, aber gleichzeitig auch ungewöhnlich spielerisch, lustig und poetisch sein. Manchmal dienen mir sogar Spielzeuge als Inspirationsquelle. Dafür achte ich bei jedem Produktionsschritt auf akribische Genauigkeit und auf jedes einzelne Detail, damit die Endprodukte auch funktionell sind”, erklärt Bianca Barbato.

Bianca Barbato
Bianca Barbato

Polyvalente Weltoffenheit

Auch Rodrigo Almeida ist ein wahrer Produkt-Allrounder. Seine Inspiration holt er sich aus den unterschiedlichsten Kulturen und möchte mit seinen Arbeiten dem Design aus Brasilien „ein neues Gesicht verleihen”. In seinem größtenteils sehr avantgardistisch anmutenden Universum überschreitet Almeida bewusst nationale Grenzen und lässt sich von anderen Kulturen inspirieren. So finden sich in seinen Entwürfen vor allem Materialien und Formen von Kontinenten wieder, von denen seine eigenen Vorfahren stammen: Afrika, Indien und Europa. Dabei ist auch sein kreativer Hunger nach neuen Materialien grenzlos.

Rodrigo Almeida
Rodrigo Almeida
Rodrigo Almeida

Die relativ geringe mediale Resonanz auf brasilianisches Design erklärt Rodrigo Almeida, der selbst zu den bekanntesten Namen der neuen Generation gehört, mit den folgenden Worten: „Ich glaube, dass wir Südamerikaner uns aufgrund der Entwicklungsgeschichte unseres Landes viel europäischer fühlen, als sich die Europäer mit Südamerika verbunden fühlen”. Persönlich würde ihn eine Zusammenarbeit mit Konstantin Grcic reizen.

Traditionelle Avantgarde

Modern, aber bitte mit ganz viel Tradition: Sérgio J. Matos kombiniert natürliche Rohstoffe und traditionelle Fertigungsmethoden mit lebhaften Farben und sinnlichen Formen. Verblüffend: Seine funktionellen Kreationen in avantgardistischer Hülle kreiert Sérgio J. Matos mithilfe von traditionellen, brasilianischen Techniken, von denen viele schon fast in der Vergessenheit versunken sind. Seit der Eröffnung seines eigenen Designstudios im Jahr 2010 wurde er für diese Arbeitstechnik schon mehrfach mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Sérgio J. Matos
Sérgio J. Matos

Um die brasilianische Gestaltungskultur mit ihren schlanken und sinnlichen Linien beizubehalten, verwendet er viele natürliche Rohstoffe wie Holz und Stroh. Im Zeitalter vom Industriedesign hält er zudem ein besonders starkes Plädoyer auf die Handwerkskunst: „Die Handwerkskunst hält die Geschichte unserer Vorfahren am Leben. Eine immer automatisiertere Welt darf nicht vergessen, dass Handwerk einen großen Mehrwert für moderne Produkte bringen kann”, deklariert Sérgio J. Matos.

Sérgio J. Matos
Rain

Brasilien = Handwerk + Kunst

Brasiliens neue Designgeneration hat aber auch konzeptionelles Design zu bieten. Das Designstudio Rain lässt es gerne in den künstlerischen Bereich driften.

Das Spezialgebiet des Designduos Rain, bestehend aus dem Architekten Ricardo Innecco und der Produktdesignerin Mariana Ramos, liegt in der Entwicklung von Möbeln, Lampen und dekorativen Objekten. Beide Kreative stammen aus Brasília – einer Stadt, die für ihre moderne Architektur und ihren Urbanismus bekannt ist, und zogen 2012 nach São Paulo. Seit 2015 arbeiten sie unter dem Namen Rain als unabhängiges Designstudio. Zu ihren markantesten Entwürfen zählt eine Serie besonders ungewöhnlicher Couchtische mit runden Ecken und einer geschwungenen Form, die an einen Swimmingpool erinnert.

Rain
Rain

„Brasilien ist ein riesiges Land mit einer sehr traditionellen Handwerkskultur, die von Keramikarbeiten bis zur Herstellung von Handstickereien reicht und bei der eine facettenreiche Produktpalette von Holz bis zu Perlen verwendet wird. Die junge Designgeneration, zu der auch wir uns zählen, interessiert sich zwar auch für zeitgenössisches Design, neue Materialien und Herstellungsmethoden – aber vergisst dabei nicht die gestalterischen Ursprünge und Traditionen unseres Landes”, sagt das Designerduo über die heranwachsende Designgeneration in ihrem Land. Und wie sehen sie ihre Nation im Vergleich mit der europäischen Designerszene? „In Südamerika hat der Industrialisierungsprozess viel später als in Europa eingesetzt. Und weil wir zudem in unserem Land eine wahre Schatzkammer an Rohstoffen besitzen, ist das brasilianische Design immer noch stark von lokaler und traditioneller Handwerkskunst geprägt.”

Brunno Jahara

Europäische Einflüsse

Der 1979 geborene Designer Brunno Jahara verfügt über einen hohen Bekanntheitsgrad in Europa. Hierher kam er zum studieren und arbeiten, bis er wieder nach Brasilien zurückkehrte.

Brunno Jahara studierte zunächst Industriedesign in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro, bevor es ihn nach Italien verschlug. Dort studierte er Architektur in Venedig und war dann zwei Jahre lang für Fabrica tätig. Jaharas persönliche Kreationen, die oft stark auf eine industrielle Produktion ausgelegt und von organischen Formen, tropischen Inspirationen und traditionellen Materialien geprägt sind, wurden schon öfters in Europa ausgestellt. So waren sie unter anderem auf der Mailänder Triennale, im Pariser Centre Pompidou und auf der Amsterdam Design Week zu sehen. Seinen europäischen Bekanntheitsgrad verdankt er aber sicherlich auch der Zusammenarbeit mit der portugiesischen Porzellan-Manufaktur Vista Alegre.

Brunno Jahara
Brunno Jahara

Und was findet er selbst an seinen Arbeiten typisch brasilianisch? „Ich versuche für meine Kreationen Materialien, Farben und Formen zu verwenden, die mir in meinem brasilianischen Alltag begegnen. Besonders inspirierend ist für mich dabei die Stadt Rio de Janeiro, in der ich wieder lebe”, erklärt Jahara. Aber auch das Thema Nachhaltigkeit spielt für ihn eine große Rolle: „Ich versuche, möglichst viele recycelte Materialien und umweltschonende Herstellungsprozesse zu benutzen sowie Objekte für einen langfristigen Gebrauch zu entwerfen”, so Brunno Jahara.

Panelgespräch auf der Ambiente Academy

Die Focus on Design: Brazil Sonderpräsentation finden Sie während der Ambiente in der Galleria 1. Die vorgestellten fünf Designer und Designstudios diskutieren zum Thema Design in Brasilien am Messesonntag um 13.15 Uhr in einem Panelgespräch auf der Ambiente Academy in Halle 9.1.

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