Co-Living: im Hotel zu Hause.

In den letzten Jahren hat Co-Working die Welt im Sturm erobert. Nun folgt Co-Living: gemeinsames Wohnen, das mit klassischen WGs kaum mehr etwas gemein hat. Besonders für Hotels bietet die neue Entwicklung eine große Chance – trotz Corona. Und auch dort bringt das kreative Miteinander und Zusammenleben eine Reihe von Designanforderungen mit sich, die für den Erfolg des Konzepts von entscheidender Bedeutung sind.

Co-Living in Frankfurt: Luxus der Gemeinschaft

Im Lindley Lindenberg in Frankfurt fühlt man sich fast wie bei Freunden. Es gibt Küche, Wohnzimmer (mit großer Plattensammlung) und einen kleinen Kräutergarten. „Wir sind weder ein Hotel noch eine Wohngemeinschaft und doch beides zugleich“, sagt Geschäftsführer Nils Jansen. Das „Lindley“ ist das dritte Hotel der Lindenberg-Gruppe in Frankfurt, die allesamt das gleiche Modell verfolgen: Im „Gästekollektiv“ sind Übernachtungsgäste genauso willkommen wie solche, die für Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre bleiben möchten. Dazu stehen ihnen nicht nur ihre Zimmer, sondern auch eine Reihe an Gemeinschaftsräumen zur Verfügung. Das Modell ist einer neuen Wohnform entlehnt, die immer beliebter wird: Co-Living nennt sich das Konzept, bei dem mehrere Menschen an einem Ort in privaten Räumen zusammenleben und gemeinsame Bereiche teilen. Was zunächst wie eine klassische Wohngemeinschaft klingt, ist im Kern etwas ganz anderes. Statt finanzieller Motive spielt beim Co-Living Geld oft eine untergeordnete Rolle. Meist stehen idealistische Gründe im Vordergrund: das Zusammenwohnen mit Gleichgesinnten. Statt abgewohnter Möbel gibt es Designerstücke. Badezimmer und manchmal sogar die Küche sind Teil der einzelnen Sphären. Dafür teilen sich die Bewohner Gemeinschaftsräume wie Bibliothek, Terrasse und Garten. Das Hospitality-Design erinnert häufig an luxuriöse Privatwohnungen: Kunst an den Wänden, ausgefallene Designersessel und Geschirr von befreundeten Töpfereien. Zurecht hat das Lindley Lindenberg den diesjährigen AHEAD Award in der Kategorie „Hotel Newbuild“ gewonnen.

Storytelling im Lindley Lindenberg

Beim Hotelkonzept „Lindley Lindenberg“ lag die Anregung für ein gestalterisches Storytelling vor der Haustür – das Haus befindet sich in der Lindleystraße im dynamisch-kreativen Osten Frankfurts, benannt nach William Lindley, einem britischen Eisenbahn-Ingenieur, der ab 1863 die Frankfurter Kanalisation projektierte. Diese Backstein-Kanäle sind bis heute in Betrieb und berühmt für ihre außergewöhnliche Ästhetik, die Funktionalität und Form vereint. „Auf diesen Zeithorizont haben wir uns konzentriert“, so Nils Jansen und erklärt: „Wir haben etwa Thonet-Stühle mit dem typischen Wiener Geflecht, Originale und Nachbauten. Auch gelang es uns, Geschirr entsprechend dieser Caféhaus-Thematik zu finden. In unserem Restaurant hat wiederum die Frankfurter Designerin und Töpferin Viola Beuscher eigens für das Hotel und gemeinsam mit uns Tassen und Teller entwickelt.

Lindley Lindenberg in Frankfurt ©Steve Herud
Leuchtendroter im Lindley Lindenberg in Frankfurt ©Steve Herud

In der Gemeinschaftsküche verwendeten wir schlichtes, skandinavisches Geschirr von Nordal.“ Trendmessen seien für ihn und sein Interior-Team wichtig, schließlich gelte es weitere Häuser für die Hotelgruppe zu entwickeln: „Eine tolle Inspiration. Auf der Ambiente entdecke ich immer schöne Accessoires und zuletzt auch nachhaltige Tapeten, die genau den richtigen Charakter für uns hatten.“ Die Freiheit kleiner Hotels sieht Nils Jansen als Pluspunkt: „Diese haben viel mehr Spielraum in der Gestaltung als Hotelketten. Wir selbst könnten damit auch an völlig andere Standorte gehen, etwa große Einkaufsmeilen, wo der Fachhandel in Zukunft stärker sein wird und auch neuer Wohnraum entsteht – die Zeit der großen Kaufhäuser ist vorbei. Für uns ist der Gästekontakt ausschlaggebend – uns sollen auch die Frankfurter entdecken, wenn wir zum Beispiel wieder tolle Lesungen haben.“ Vielleicht könnte die Zeil, Frankfurts berühmte Einkaufsstraße, ein solcher Ort sein. Ein Rahmenplan der Stadt Frankfurt soll die Meile neu denken.

Lindley Lindenberg in Frankfurt ©Steve Herud

Neues Zusammenleben, neue Hospitality-Werte

Hallo Fremder, lass uns zusammen wohnen! Die Welt erfindet gerade das Zusammensein neu. Co-Sharing, Co-Creation, Co-Working und Co-Living sind die Trends der Stunde, die neue kollektive Erfahrungen möglich machen. Nach einer Ära des Hyperindividualismus – in der viele froh waren, beengte, provisorisch möblierte WG-Verhältnisse nach Studienabschluss hinter sich zu lassen – spüren Einzelpersonen wieder das Bedürfnis nach Austausch und Zusammenkunft, die über das Digitale hinausgeht. Sie geben dem Kollektiv einen neuen immateriellen Wert. Co-Living ist eine Antwort auf das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die mehr Wert auf Freiheit als auf Besitz legt, auf Nachhaltigkeit und Gemeinschaft. Es ist mehr als eine Reaktion auf die Immobilienkrise – Co-Living ist eine kollektive Geisteshaltung – und sicher auch etwas, was man einer urbanen Einsamkeit entgegenhalten kann.

Nils Jansen vom Lindley Lindenberg ©Marina Ackar

Co-Working trifft Co-Living

War Co-Working der Anfang, stellt Co-Living die nächste Stufe dar: ein Mix aus Arbeits- und Wohngemeinschaft – und das in sorgfältig und hochwertig ausgestatteten Räumen, die mit der gestalterischen Expertise aller Bewohner oder des Hotelanbieters ein stimmiges Gesamterlebnis bieten. Ein Trend mit viel Potenzial, denn der Anteil an Single-Haushalten steigt stetig – in Deutschland nach Zahlen der Immobilienberatung Cushman & Wakefield bis zum Jahr 2035 auf 44 Prozent. Nicht alle wollen gern als Solitäre leben, sondern suchen nach Gemeinschaft. Deutschland ist außerdem der am schnellsten wachsende Markt für Studenten in Europa, aktuell sind es etwa drei Millionen. Auch durch die zunehmende Urbanisierung steigt die Nachfrage nach Wohnraum in den Großstädten. Und weil soziale Kontaktpunkte trotz Social Media abnehmen, entstehen reale Orte, die diese Lücke zu füllen suchen.

Jo&Joe in Paris Gentilly, Frankreich ©Abaca Press/Giuliano Ottaviani

Hotelketten haben Blending Living entdeckt

Co-Living-Angebote sind interessant für digitale Nomaden, die jederzeit von überall aus arbeiten können und sich nicht an einen Ort binden wollen, und die Objekte oft Einstiegswohnungen für Menschen, die neu in einer Stadt sind und die es sich leisten können, sich keinen Kopf um Nebenkosten und Reparaturen, Internet und Reinigung machen zu müssen. Damit ist das Modell auch für klassische Hotelketten interessant, die ihr Produktportfolio erweitern wollen. Etliche haben das große Potenzial bereits erkannt und stellen etwa Blending-Living-Lösungen (Mischnutzungen) dar, beispielsweise das Open-House-Konzept von Jo&Joe by Accor Hotels und lyf von Ascott oder die Ruby Hotels. Im Kern sind diese Häuser eine Fusion aus Hotel, Hostel und Privatvermietung (Resident Rooms). Dachterrassen, Bars und 24/7-Gastronomie laden hier die Stadtbevölkerung zum besonderen Gemeinschaftsgefühl mit ein. Credo: Die ganze Stadt gehört zur Hotelfamilie!

lyf Sukhumvit 8 in Bangkok, Thailand

Der Schlüssel zum Erfolg ist auch beim Blending Living immer ein Interior, das den besonderen Spirit des Hauses und gern auch eine interessante Story abbildet: ein Mix aus Statement-Möbeln und -Leuchten, Bepflanzung und lokaler, kontemporärer Kunst. Reminiszenzen an die Vergangenheit und die lässigen Accessoires erscheinen avantgardistisch bis fröhlich. Geschirr und Tischausstattung sind funktional, aber edel und oft mit Unikaten bestückt. Kurz, die Funktionalität und Geselligkeit von Studentenwohnheimen verbindet sich mit der Raffinesse von Boutique-Hotels.

Ruby Leni in Düsseldorf

HoReCa: neue Design-Adressen

In einer Welt, in der der Wert einer Reise immer häufiger untrennbar mit der Qualität der Begegnungen verbunden ist, öffnen sich Hotels zum Stadtgewebe. Das Einchecken findet zunehmend an der Hotelbar statt, Aufenthaltsräume werden größer und heißen auch die lokale Bevölkerung auf einen Drink willkommen. So ist es auch im neu eröffneten Hotel Hobo in Stockholm. Sein Innenleben ist darauf ausgerichtet, soziale Beziehungen und den Austausch zwischen Anwohnern und Gästen zu fördern. Seine Räume im nüchternen „Scandi Cool“ ziehen Hipster aus aller Welt an, während Bar, Café, Restaurant und „Pop-up-Areas“, etwa für kreative Start-ups und Künstler, sich auch an die Einheimischen richten. Die Inneneinrichtung und exklusiv eine Leuchten-Familie kommt vom deutschen Architekten und Designer Werner Aisslinger (die Berliner Hotels „Michelberger“ und „25hours Bikini“ tragen ebenfalls seine Handschrift). Die Wasserhähne im Haus sind übrigens weltweit die ersten, die aus Ton hergestellt sind.

Hobo in Stockholm, Schweden
Restaurant TAK im Hobo in Stockholm, Schweden

Nun hat Stockholm etliche designstarke Hotels, doch mit seinem Restaurant, das explizit auch die Stockholmer einlädt, hat sich das „Hobo“ den besten, sprichwörtlichen Türöffner und Kommunikator geschaffen. Einheimische treffen Touristen und Touristen lernen Einheimische kennen – ein inspirierender Austausch wie er sonst nur in kleinen Pubs, Cafés oder Parks entsteht. Es ist eine Klientel, die auch das jüngst in Hertfordshire nördlich von London eröffnete Birch – eine Mischung aus Members Club für die Generation Instagram, Hideaway und Hotel – im Blick hat. Hier setzt man unter anderem auf Töpferkurse und Brotbacken, um Einheimische anzuziehen, am liebsten als regelmäßige Gäste.

Birch in Cheshunt, England ©Birch, Foto: Adam Firman

Shared Dishes: Alle an einen Tisch!

Dass das gemeinschaftliche Essen einen neuen Stellenwert in der Gastronomie bekommen hat, ist ein anhaltender Trend, den auch James Ardinast beobachtet: „Es herrscht ein neues Bewusstsein – nicht nur was den Konsum, sondern auch was die Konzepte angeht“, sagt der Gastronom, der mit seinem Bruder David das Restaurant Bar Shuka in Frankfurt führt. In ihrem Lokal feiern die beiden die neue Küche Tel Avivs mit orientalischen Aromen und regionalen Zutaten. Stylische Teller, kleine Schalen mit Leckereien zum Dippen und Platten für Fisch und Fleisch werden als Ensemble in die Mitte des Tisches gestellt, und schon entsteht eine gesellige, intime Atmosphäre – das Prinzip „Shared Dishes“, das Essen in Gemeinschaft, in Reinform. „Es ist für uns nicht nur eine Reise zu unseren Wurzeln, sondern auch eine Art Lebensgefühl, das wir transportieren“, sagt James Ardinast. Ein Lebensgefühl, das auch in Frankfurt auf fruchtbaren Boden fällt. Gerade in Deutschland habe Essen eine neue Wertschätzung erfahren, sagt der Gastronom. „Klassische Familienstrukturen brechen auf, die Leute suchen Zugehörigkeit, auch beim gemeinsamen Essen.“ Das „Bar Shuka“ richtet sich als Teil des Hotels 25hours The Trip an Touristen und Locals gleichermaßen.

Bar Shuka in Frankfurt ©Steve Herud
Bar Shuka in Frankfurt ©Steve Herud
Bar Shuka in Frankfurt ©Steve Herud
25hours The Trip in Frankfurt ©Stephan Lemke

Der Wunsch nach Austausch und etwas voneinander zu erfahren prägt auch das preisgekrönte Amsterdamer Zoku. Das große Haus im Stadtzentrum verfügt über eine verglaste Dachterrasse mit Garten, wo man gemeinsam den Ausblick genießen kann. Im öffentlichen Restaurant im Stil einer Wohnküche sind Shared Dishes das Credo, das die Menschen zusammenführt. Hier wird neu gewohnt in einem Hybrid aus Zuhause und Büro – mit dem Service eines Hotels.

Zoku in Amsterdam, Niederlande
Zoku in Amsterdam, Niederlande

Gekommen, um zu bleiben – Co-Living hat Zukunft

Immer mehr Hotels beherbergen heute Cafés und Restaurants, Theater- und Konzertbühnen, um Menschen zusammenzubringen. Denn das Bild von Luxus hat sich geändert: Luxus ist heute Aufmerksamkeit und Zusammensein. Viele Mikro- und Makrotrends sprechen dafür, dass „Co-Living“ als HoReCa-Trend in gleichem Maße die Welt verändern wird wie Co-Working – gerade weil das Konzept auch mit traditionellen Angeboten im Hospitality-Bereich harmoniert. Nils Jansen vom „Lindley Lindenberg“ glaubt, dass Zusammenhalt gerade jetzt eine Zukunft hat: „Gerade in unsicheren Krisenzeiten sind Humanismus und Gemeinschaft das, was bleibt.“ So scheint es fast sicher, dass das Wohnmodell Co-Living die Hospitality-Industrie zunehmend prägen wird und so das Innenleben vieler Hotels verändert. Das Hotel wird zum zweiten oder auch alleinigen Zuhause und entsprechend mit lässigem Komfort, intuitivem Design, ausgesuchten Accessoires und digitalen Annehmlichkeiten ausgestattet. Ziel ist es, ein anspruchsvolles Umfeld mit Ecken und Kanten zu schaffen, unverwechselbar in seiner Geborgenheit. My home is my hotel!

 

Titelbild: Birch in Cheshunt, England © Birch, Foto: Nicole Bachmann; Zoku in Amsterdam, Niederlande