Wie Hoteldesign gute Storys macht.

„Der Schreibtisch kann raus!“, fordert Hotel Interior Designerin Corinna Kretschmar-Joehnk für die Zimmer einer neuen Style-Generation. Die Co-Chefin von JOI-Design in Hamburg kreiert mit ihrem Studioteam seit mehr als 30 Jahren weltweit unverwechselbare Markenhotels im Premiumsegment sowie luxuriöse Spas und Restaurants. Im Interview überrascht die Trendexpertin mit radikalen Statements und „Instagrammable“-Geheimtipps.

Hallo Frau Kretschmar-Joehnk, in Hotels geht es schon lange nicht mehr allein ums Übernachten. Was brauchen Hotels künftig, um beim Gast anzukommen?

„Vieles ist momentan im Umbruch. Junge, individuelle und unabhängige Hotels setzen Trends. Ein wesentlicher Aspekt ist sicher, dass Hotels immer weniger wie solche wirken, keine Bettenbunker, sondern mehr privat empfundene Räume sind, so als sei man bei guten Freunden zu Gast. Ausgefallen und leicht schräg darf es sein. Das ‚ACE Hotel New York‘ mitten in Manhattan oder das ‚The Hoxton, Holborn‘ in London haben das gut umgesetzt. In Frankfurt verkörpern das ‚Libertine Lindenberg‘ und das von uns designte ‚Premier Inn‘ im Europaviertel diese Entwicklung. Sich geborgen zu fühlen, wird immer wichtiger, die Menschen sehnen sich danach. Bei den großen Hotelgruppen ist jener ‚Sehnsuchtstrend‘, wie ich ihn nenne, etwas verzögert abzulesen.“

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The Hoxton Holborn-London-Hotel-Kueche-02

Premier Inn-Frankfurt-Europaviertel-03

Beispiele?

„Dem Kaminfeuer via TV-Screen, von Low Budget Hotels mit einem Augenzwinkern begonnen, begegnet man heute in Lobbys und Zimmern renommierter Häuser. Viele, auch das Londoner ‚Savoy‘, verzichten auf den Rezeptionstresen und lösen das Check-in mit einer ungezwungeneren Ansprache, kommen etwa mit dem iPad zum Gast, der gemütlich in der Lounge sitzt. Oder, noch vor einigen Jahren sagten uns Hotelketten, ein Spa passe nicht in ihr Programm. Inzwischen geht es nicht mehr ohne, selbst wenn es nur ein kleiner feiner Bereich ist. Die Menschen denken mehr an ihre Gesundheit, das Leben wird anstrengender und oft greift die Arbeit in den Feierabend hinein. Hoteldesign muss sich zentrale Fragen stellen – was sind die Bedürfnisse unserer Gesellschaft, was brauchen wir auf Reisen?“

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Liegen die Inspirationen auf der Straße?

„Oft. Ich reise sehr viel. Fotos im Internet sind das eine, aber etwas vor Ort zu fühlen und wahrzunehmen, ist noch wichtiger, eigentlich die größte Inspirationsquelle. Manchmal entdecke ich Ideen im Supermarkt, wie eine Ware präsentiert wird. Natürlich sind Messen für uns wichtig, auf der Ambiente finden wir alle Materialien. Alles, um unsere Projekte noch persönlicher zu gestalten, insbesondere Kunstgewerbliches.“

Sind die Ansprüche des Hotelgastes gestiegen?

„Auf jeden Fall. Durch die digitalen Welten, in denen wir uns sonst bewegen, sehnen sich die Menschen nach Rückzugsmomenten. Wir stellen fest, dass es für Hotelgäste keine klaren Grenzen mehr zwischen den verschiedenen Momenten und Räumen des Lebens gibt. Der Gast will heute in multifunktionalen Atmosphären ‚entertaint‘ werden und nicht mehr in uniformen Zimmern übernachten, die in der ganzen Welt gleich aussehen. Im Idealfall fotografiert der Gast alles, was ihm gefällt und postet es in die Welt hinaus. Speziell hierfür kreieren wir ‚Instagrammable Moments‘ in der Innenarchitektur. Letztlich ist das eine bessere Werbung als eine Hochglanzbroschüre.“

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

„Gemeinsam mit dem Kunden entwickeln wir die ‚Storyline‘ und überlegen, wofür steht das Haus und wie lässt sich das abbilden? Ganz gleich, ob es sich um ein privates Szenehotel oder eine luxuriöse Hotelkette handelt – es geht immer um ein maßgeschneidertes Markenerlebnis. Ein Beispiel: das Designhotel ‚Reichshof – Curio Collection by Hilton‘ gegenüber dem Hamburger Hauptbahnhof. Das 100 Jahre alte Grandhotel wurde komplett entkernt und bekam eine neue Zimmeraufteilung. Jetzt ist es ein avantgardistisch-lässiger Place-to-be für Hotelgäste und Hamburger gleichermaßen.“

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Der „Reichshof“ feiert das Art déco. Nichts passt besser hinter die denkmalgeschützte Fassade, oder?

„Der Gast spürt Authentizität. Designs, die gute Geschichten erzählen, funktionieren, sind glaubwürdig. Das Hotel hat nun mal diese prachtvolle Vergangenheit, darin liegt eine große Stärke. Das Storytelling beim ‚Hospitality Design‘ wird sich in Zukunft sicher noch differenzierter äußern. Das atmosphärisch kühlere Extrem, das Coole und Cleane, hat es dagegen schwer.“

Wo ich mich wohlfühle, da will ich länger bleiben.

„Neue Hotels gleich auf Longstay auszurichten, ist ein deutlicher Trend. Das ‚Libertine Lindenberg‘ etwa hat in einigen Zimmern eine Küche, und eine Gemeinschaftsküche im Dachgeschoss. Dort kann man sich anmelden, wenn man selbst kochen oder mitkochen möchte, ein bisschen WG-Feeling gewissermaßen. Das bindende ‚Zuhause‘-Gefühl kommt dann fast automatisch. Wenn dann mal etwas nicht funktioniert, dann verzeiht man es hier eher, da man so charmant behandelt wird.“

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Welche Länder sind Spitzenreiter im Hoteldesign?

Grundsätzlich tut sich überall auf der Welt gerade richtig Gutes, alle haben in ihrem Bereich aufgeholt, vor allem die USA. Endlich ist New York aus seinem Winterschlaf erwacht, nach 9/11 kamen lange keine Innovationen. Jetzt sind dort viele neue Hotels auf einem Superlevel entstanden.“

Was sollte man sich beim nächsten Urlaub in Big Apple unbedingt anschauen?

„Das ‚Baccarat Hotel‘, das Flagship-Hotel der Glaswarenmarke ‚Baccarat Crystal‘ am Museum of Modern Art. Tief verankert im traditionellen Luxus – und doch mit zeitgemäßen Kontrasten, ein unübersehbares Juwel in Midtown. Ein Haus wie ein Kristallpalast, sehr spannend, man fühlt sich wie im modernen Märchen.“

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Was wollen Sie in Hotels nicht mehr sehen?

„Auf den Schreibtisch, der in den Gästezimmern fest an der Wand klebt, kann man verzichten, es gibt intelligentere Lösungen. Das kann ein kleiner runder Tisch sein, den man leicht dorthin schiebt, wo man ihn braucht. Im ‚Hilton München Airport‘ haben wir uns da schon Gedanken gemacht. Außerdem keine steifen Uniformen mehr. In einer lässig gestylten Architektur darf auch das Personal lockerer agieren. Und: die Frage ‚Hatten Sie ein angenehme Anreise?‘ – die will keiner mehr hören.“

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Herzlichen Dank, die nächste Hotelgeneration verspricht aufregende Wege zu gehen!

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