Tradition ist der Fond, der Neues ermöglicht.

Im Bereich der Tischkultur haben es Newcomer nicht leicht, denn die Vielfalt und das Niveau existierender Produkte sind extrem hoch. Dennoch zeigen diese „Dining Talents“ eine Lust am Neugestalten, in der sich die Würdigung der Tradition mit einer modernen Designsprache verbindet.

Aus Rot wird Schwarz

Das Label Bisarro ist eine Mischung aus dem Herkunftsort Bisalhães und dem portugiesischen Wort für Ton. Nach mehrjähriger Erfahrung in der Keramikindustrie war es Zeit für etwas Eigenes, und so besannen sich die beiden Gründer auf die alte portugiesische Keramik-Tradition. Das Besondere dabei: In Öfen, die unter der Erde liegen, wird in offenen Holzfeuern roter Ton zu schwarzer Keramik gebrannt.

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  • Die Gründer von Bisarro, Daniel Pera (links) und Renato Rio Costa.

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  • Nichts für zarte Gemüter: der Brennvorgang bei offenem Feuer.

Bisarros Engagement kommt keine Sekunde zu früh: Dieses alte Handwerk wird insgesamt von nur noch 4 bis 5 hochbetagten Kunsthandwerkern in Vila Real im Norden Portugals ausgeübt, und die UNESCO hat es als Weltkulturerbe klassifiziert. Viel Unterstützung erfahren die 26- und 31-jährigen Männer auch aus dem lokalen Umfeld. Doch nichts läge ihnen ferner als Nostalgie. Mittels der alten Produktionsmethoden kreieren sie ganz bewusst zeitgemäße Formen, die sich mit ihrer reduzierten Liniensprache gut in jedem New Yorker oder Londoner Loft machen würden. Hier hilft die Erfahrung in der Industrie: „Wir wissen, was am Markt gefragt ist“, sagt Daniel Pera. Momentan gibt es einen Wein- und Wasserkrug, Kaffeekanne und Teekanne, Kerzenhalter, kleine Schälchen für Tapas, doch geplant ist die Ausweitung des Sortiments in Richtung Kochgeschirr. Da bleibt uns nur noch zu wünschen: Boa sorte!

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  • Vor die Teekanne hat sich frech eine kleine Kaffeetasse gedrängelt.

Eine Zwischenheimat für das Ei

Auch bei Äggcøddler geht es um etwas Vergangenes, nämlich den typisch britischen „egg coddler“. Das Prinzip ist einfach: In einem Porzellangefäß mit Deckel wird das Ei im Wasserbad gekocht, lang oder kurz, pur oder mit weiteren Zutaten geschmacklich verfeinert. Auch um Essensreste zu verwerten, sei sein Produkt ideal, versichert Jois Lundgren. Der quirlige Designer ist eigentlich gar kein Produktdesigner, sondern hat visuelle Kommunikation in London studiert und lange als Art Director gearbeitet.

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  • Traditioneller Egg-Coddler mit Lundgrens Neuschöpfung.

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  • Jois Lundgren

Zum Äggcøddler kam er eher aus Zufall: Als Lundgren das Haus seines Vaters in Schweden erbte, entdeckte er einen herkömmlichen Egg-Coddler, der ihn faszinierte. Da diese jedoch heute nicht mehr produziert werden, beschloss er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er entwarf ein ansprechendes Porzellangefäß mit pastellfarbenem Deckel und fand – nach einigem Suchen – einen Hersteller in China. Dieser produziert auch das kleine Silikonband, das dafür sorgt, dass der Deckel das Gefäß gut schließt. Auch wenn das Ei sich jeweils nur 10 bis 15 Minuten darin befindet: der Äggcøddler ist in sich so rund, dass er dem Ei für diese Zeit eine echte Heimat bietet.

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  • Pur oder verfeinert: Jeder kann selbst wählen, wie er sein Ei kocht.

Glas + Porzellan = schön!

Mit einem anderen Material ist Karina Wendt bestens vertraut: Die Produktdesignerin aus Baruth in Brandenburg hat Glaskeramik studiert und entwirft wunderbare zarte Vasen, Gläser und Schalen. Dabei arbeitet sie mit Manufakturen im Berliner Umland zusammen, die noch Mundgeblasenes herstellen. Ein Hingucker sind die Blumenvasen, in deren unterer Hälfte die Farbigkeit ins Opake übergeht. Auf diese Weise, so Wendt, seien die aus Blumenstengeln oftmals austretenden Sekrete gut kaschiert. Sehr einleuchtend!

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  • Glaskeramikerin Karina Wendt

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  • Blumenvasen mit „eingebautem Sichtschutz“

Dann gibt es noch die bezaubernden Dosen aus Glas und Porzellan. Eine ungewöhnliche Kombination, die ihren Anfang nahm, als der Mutter der Designerin ihre Lieblingsdose zu Bruch ging. Übrig blieb nur der kleine Porzellandeckel, und Wendt beschloss, dazu passend einen neuen Körper zu gestalten. Daraus hat sich eine Serie an Unikaten entwickelt, bei denen jeweils ein existierender einzelner Porzellandeckel mit einem mundgeblasenen Glasunterbau kombiniert wird. Ob Bonbonniere oder Salzfässchen oder Schmuckdose – unglaublich schön, was dabei herauskommt!

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  • Einsame Porzellandeckel finden ein neues, passendes Glasgefäß.

Versteckte Farben, hintergründiges Design

Atsushi Kitahara ist ein freundlicher, zurückhaltender junger Mann, der ebenso dezente Designs gestaltet. Seinen Bachelor machte er in Japan, wo er auch 5 Jahre als Keramikdesigner arbeitete, bevor er nach Deutschland kam und den Master in Halle an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein erlangte. Er spielt mit dem Wechsel von glatten Flächen, klaren Kanten und Faltenwürfen, in denen das Material einen gewissen Eigenwillen zu entfalten scheint. Etwa bei seinen Vasen oder den Bechern der Serie „Glimpse“, von deren Rund ein kleiner Wimpel auskragt, der inwändig farbig ist. Was man nicht ahnen würde: Zunächst war der gesamte Gegenstand in der jeweiligen Primärfarbe gehalten und wurde erst später weitgehend weiß überzogen.

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  • „Glimpse“

Atsushi Kitahara bezieht sich auf die Tradition seines Landes: Früher war die Kleidung üblicherweise gedeckt, höchstens innen oder im Futter gab es Farben und Muster. Diese Thematik des Versteckten und des indirekt Reflektierenden inspiriert ihn zu spielerischen Adaptionen. Die Blumenvase „Roll“ reagiert auf die Art, in der die Pflanzen im Blumenladen oftmals eingewickelt werden, und bei der Teekanne „Piece“ laden deren glattgeschliffene, unglasierte Flächen dazu ein, die Kannen einfach mal übereinander zu stapeln. Was dazu wohl die Meister der japanischen Teezeremonie sagen würden?

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  • Atsushi Kitahara erläutert seine Teekanne „Piece“ …

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  • … die man auch prima übereinander stapeln kann.