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Revolution im Bienenstock – Marlène Huissoud macht aus Bienenkitt Glas.

„Experimental Designer“ Marlène Huissoud ist mit Honigbienen aufgewachsen. Aus dem natürlichen Bienenharz gewinnt die Französin einen Naturstoff, den es so noch nie vorher gegeben hat und wie Glas zu verarbeiten ist. Ein absolutes Novum, das sie weiter anspornt. In ihrem Londoner Studio erfindet sie nachhaltige Materiallösungen für Möbel- und Interiordesign. Bee with us on #TalentsTuesday.

Honigbiene und Seidenraupe sind für Marlène Huissoud Designer en miniature. Wie das? Deren Waben und Kokons setzen die strengsten Prinzipien von Nutzen und Effizienz um. Die Natur hat sich darin als Designer perfektioniert. Alles folgt einem ewigen Werkprozess, geplant in einem Studio, das so alt ist wie die Erde. Raffiniert: Bienen bauen zuerst eine Röhre. Beim Arbeiten daran erwärmt sich das Bienenwachs auf etwa 40 Grad Celsius. Jetzt zerfließt die Röhre und die bekannte Sechseckform bildet sich. „Die Wissenschaft erforscht die Potenziale der Insekten für die Lebensmittelproduktion, ich bin vor allem daran interessiert, Insekten als Kompagnon im Designprozess zu nutzen“, sagt die Textildesignerin. Sie stammt aus einer Familie von Bienenzüchtern, ihr Vater hat 500 Stöcke. Die hohe Kunstfertigkeit der Insekten ist ihr seit Kindesbeinen vertraut. Noch während ihres Studiums an der Saint Martins School of Art and Design in London experimentierte sie mit Waben und dem extrem festen Bienenharz Propolis.

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Auch die kleine Vasen-Kollektion, die sie auf der Ambiente 2015 präsentierte, ist das Ergebnis ihrer Werkstoffstudien. „From Insects“, titelt sie ihr Projekt. Die auf den ersten Blick völlig verkohlt erscheinenden Objekte – jungen Baumstämmen nach einem Waldbrand ähnlich – duften honigsüß. Ein herber Kontrast. Marlène Huissoud verwendete hier die seltene Pollen-Propolis (Bienenkitt) von Gummibäumen, daher ist das Harz tiefschwarz. „Durch seine Formgebung und die in Handarbeit definierte Oberflächenstruktur verweist das Objekt auf den pflanzlichen Ursprung“, erklärt sie. Doch wie geht man handwerklich an das zähe Rohmaterial heran? Wärme sei das Geheimnis – und die strukturelle Ähnlichkeit mit Glas der Schlüssel. „Die schwarze Propolis lässt sich tatsächlich wie Glas verarbeiten, das fand ich in vielen Experimenten heraus. Nur mit einer besonderen Glasblastechnik, die den viel niedrigeren Schmelzpunkt des Harzes berücksichtigt, gelang es schließlich, die gewünschte Form herzustellen.“

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Beim zweiten von ihr entwickelten Werkstoff – „Wooden Leather“ – kommt die indische Seidenraupe ins Spiel. In jedem Kokon steckt nicht nur ein meterlanger Faden Rohseide, sondern auch ein natürlicher Klebstoff (Protein Sericin). Durch Besprühen mit Wasser oder Hitze wird dieser reaktiviert. Marlène Huissoud macht so aus den Fasern superfestes Papier, das nach seiner finalen Bearbeitung an dünnes Leder oder Holz erinnert. „Mit der dunklen Propolis wird die Oberfläche weiter verstärkt. Auf diese Weise entstehen robuste Materialoberflächen, die im Möbel- und Interiordesign interessant sind.“

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„Ich versuche herauszufinden, wie wir aus dem natürlichen „Abfall” der Insekten wertvolle kunsthandwerkliche Artefakte herstellen können. Ich sehe Insekten als Co-Partner“, fasst die Designerin die Idee ihres Studios zusammen. Eigentlich eine kleine Sensation, wenn aus Bio-Bienenharz ein Gefäß und sicher irgendwann noch viel mehr wird. Und was Glas kann, kann die Propolis vielleicht auch. Marlène Huissoud macht den Anfang.

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