Paola Navone – Viva la libertà!

Sie gilt als eine der einflussreichsten Interior- und Produktdesignerinnen unserer Zeit: Paola Navone. Als bekennende Weltenbummlerin entwickelte sie den ihr so eigenen unkonventionellen Stil, der in kein Genre passen mag. Dennoch sagt die gebürtige Turinerin, dass auch ihre italienische Herkunft ihre Arbeiten prägt.Vor allem in Hinblick auf die Liebe zu Tradition und Handwerk. Was sie noch liebt, was sie inspiriert und mit wem sie gerne mal einen trinken würde, verrät sie außerdem in unseren „Fragen & Antworten“.

Umschauen ist die Devise
Wer die Welt der Paola Navone begreifen will, muss ihren unbändigen Drang nach gestalterischer Freiheit verstehen. Neugier, Entdeckungslust und jede Menge Mut, vermeintlich unpassendes miteinander zu kombinieren, machen die studierte Architektin zu einer Revolutionärin im Design. Und diese Freude an der Grenzüberschreitung ist längst nicht mehr nur den renommiertesten Möbel- und Konsumgüterherstellern wie Cappellini, Gervasoni und Poliform vorbehalten, sondern erstreckt sich auch auf die Welt der Mode und des Schmuckdesigns. Zudem berät sie Unternehmen in Corporate Design, kreiert Marken-Images sowie Store- und Hotel-Interiors rund um den Globus und gestaltet sogar Filmsets. Sie selbst hält sich bis heute an die Devise, die sie auch dem kreativen Nachwuchs ans Herz legt: „Hört nie auf, euch umzuschauen! In jede Richtung.“

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Eine Frage des Respekts
Diese Suche nach der endlosen Kreativ-Power führte die junge Paola Navone gleich nach dem Studium in legendäre Kreise: Sie schloss sich der postmodernen Design-Bewegung um Ettore Sottsass und Alessandro Mendini an, deren Ziele bis heute Einfluss auf ihr Wirken haben: „Ein Großteil meiner unkonventionellen Sicht der Dinge stammt aus meiner Zeit bei Alchimia und Memphis, die in den späten 70er Jahren für die anti-akademische Seite der Architektur in Italien standen“, erklärt sie. Und auch wenn die Zeiten sich geändert hätten, sei die Aufgabe des Designers seit eh und je dieselbe: „Dingen eine Form zu verleihen. Von der Waschmaschine, über den Tisch bis zum Glas.“ Hinzu komme der Anspruch, neue Wege zu beschreiten, etwas zu wagen, nicht immer auf Nummer sicher zu gehen: „Ich glaube, dass die heutige Herausforderung darin besteht, über nachhaltige, demokratische, nicht aggressive Objekte nachzudenken.“ Für die Gestaltung von Produkten des alltäglichen Lebens etwa heiße dies auch eine Rückkehr zur Einfachheit, zur Simplizität. „Für mich ein Wort voller Inspirationen. Denn es ist keineswegs gleichbedeutend mit Mittelmäßigkeit, Monotonie, Konventionalität. Es hat viel mit Respekt für die Dinge und für Traditionen zu tun. Und es schließt natürlich das Poetische, das Schöne und das Ironische nicht aus.“

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Die Symbolkraft des Schwamms
Ihre Flechtsessel für Gervasoni lassen Urlaubsfeeling das ganze Jahr über aufkommen. Ihre nordafrikanisch inspirierte Geschirrserie für Driade weckt die Sehnsucht nach 1001 Nacht, während ihre Möbellinie „Panda“ für Cappellini humorvolle und verspielte Reminiszenzen an ihre asiatischen Einflüsse erkennen lässt. In ihren Bad-Designs für „Falper“ vereint die Kosmopolitin ihre Reiselust und ihre stete Suche nach multikultureller Inspiration mit dem Verständnis für Komfort und Funktion ebenso wie im Interior-Design für das Luxus-Resort „Point Yamu“ im thailändischen Phuket. Es gibt unzählige Beispiele für „das Poetische, das Schöne und das Ironische“ in Paola Navones Design. Ihre unkonventionelle Art, stilistische Grenzen zu überschreiten und Genre-Barrieren zu durchbrechen, macht die Dinge, die aus ihrer Feder stammen, zu mehr als zu bloßen Gegenständen. Sie macht sie zu Objekten der Begierde mit Seele und Charakter. Diese müssten im Übrigen gar nichts Besonderes sein, betont sie und bedient sich eines Beispiels für einen Design-Klassiker, das einmal mehr ihre unangepasste, freiheitsliebende Sichtweise verdeutlicht: „Für mich ist der Schwamm das perfekte Symbol. Er ist natürlich, universell einsetzbar, demokratisch, vertraut und auf gewisse Weise ironisch. Alles in allem ein prächtiges Beispiel für ‚freundliches Design‘, so wie meiner Meinung nach alles sein sollte, was wir schaffen. Grazil, poetisch, niemals aggressiv, intuitiv, schlicht und pop!“

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Kreative Kontamination
Paola Navone, die in Asien gelebt hat und Wohnungen in Mailand und Paris besitzt, ist überall dort zu Hause, wo sie Inspiration findet. Sie bezeichnet sich als Nomadin, die gern von den Vorteilen des Globalisierungszeitalters profitiert, indem sie Einflüsse aus den verschiedensten Welten aufeinander Einfluss nehmen, oder, wie sie es sagt, sich „untereinander anstecken“ lässt. „Ich beschreibe meinen Kopf gerne als eine Art Schatztruhe, in der ich wahllos Bilder, Klänge, Gerüche und unzählige weitere Impressionen sammle. Dieses kuriose Sammelsurium beinhaltet beispielsweise auch Eindrücke aus Film, Kunst oder Mode. Alle meine Projekte, jedes auf seine Weise, sind Resultate einer Kontamination, einer Ansteckung dieser Dinge und Ideen untereinander. Seit jeher bezeichne ich Kontamination als eine meiner speziellen Antriebskräfte.“

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Nomadentum trifft Dolce Vita
Auch wenn Paola Navone die Welt als ihre kreative Heimat bezeichnet, ist sie sich doch des Einflusses bewusst, den auch speziell ihre Herkunft auf ihr Denken, Wirken und Handeln ausübt. Sie trägt sie in sich, die italienische „Design-DNA“, die sich ihrer Meinung nach vor allem in der tief verwurzelten Manufaktur-Tradition und einem starken, angeborenen Sinn fürs Moderne manifestiert. „Für mich hat italienisches Design die Gabe, traditionelles Savoir-faire anhand zeitgenössischer Dinge zu transportieren.“ Zeigen wird Paola Navone ihre italienische Seite im Übrigen in Kürze bei der Ambiente 2016. Für die Sonderpräsentation des Partnerlandes Italien hat sie sich etwas ausgedacht, das genau diese Mischung aus Tradition und Moderne, aus Kitsch und Klasse, aus Eleganz und Opulenz verkörpert, welche die Menschen weltweit mit der Heimat Michelangelos verbinden: „Mein Mise-en-Scène ist inspiriert von der typisch italienischen Geselligkeit. Auf einer riesigen Tafel präsentiere ich Glas, Keramik, Töpferwaren und viele andere traditionelle Manufakturprodukte.“ Und das alles, so betont die freiheitsliebende Designerin, natürlich nicht nur als Tribut an mediterrane Leichtigkeit und Dolce Vita-Stimmung, sondern auch „auf ironische Weise gepaart mit Poesie und Pop.“

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Q&A
 
Was inspiriert Sie?
Die Welt um mich herum ist meine Endlos-Ressource. Hongkong, Paris, Indien, Athen, New York, das Mittelmeer. Sogar der kleine Markt um die Ecke. Egal, wo ich bin, schnappe ich stets Inspirationen auf.

Wenn Zeitreisen möglich wären, wohin würden Sie reisen?
In die Zukunft.

Welche ist Ihre Lieblingsfigur in der Fiktion?
The Hacker.

Mit wem würden Sie gerne mal einen trinken?
Mit Rei Kawakubo, Gründer und Designer von Comme des Garçons.

Gibt es etwas, das sie gerne noch designen würden?
Ich habe in meinem Leben so ziemlich alles designt. Aktuell würde ich gerne mehr im Interior- und Hospitality-Bereich arbeiten. Mehr Hotels, vielleicht ein Boot.

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Welche ist Ihre größte Sünde?
Ein Gourmet zu sein.

Welchen Moment Ihres Lebens würden Sie gerne noch einmal erleben?
Ich würde gerne zu meinen asiatischen Wurzeln zurückkehren.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Mein iPad, einen Kochtopf und meine Schwimmflossen.

Ihre Lieblingsfarbe?
Ich fühle mich stark von kalten Farben angezogen. Farben des Wassers und der Luft, Farben ohne erdigen Charakter. Ich bin im März geboren, im Sternbild des Fischs und mein natürliches Element ist das Wasser. Blau ist meine Lieblingsfarbe. Sie hat eine hypnotische Wirkung auf mich.

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Welche Erfindung hat Ihr Leben am meisten verändert?
Das Mobiltelefon.

Haben Sie ein Lieblingskunstwerk?
Meine Picassiette-Vase. Ein Geschenk von einem lebenslangen Freund.

Wie sieht Ihr perfekter freier Tag aus?
Lange schlafen und im Meer schwimmen gehen.

Ihre Lebensphilosophie?
In zwei Worten: Neugier und Einfachheit. Alles, was ich tue, erwächst aus meiner Neugier, eine fast schon obsessive und kindliche Neugier, die mich in alle Richtungen schauen lässt. Wo immer ich bin, jeden Tag, 24 Stunden lang.