Glasgow provoziert.

Interior-Star und Buchautorin Janice Kirkpatrick entfacht mit ihrer klaren Ästhetik und dem Hang zum Opulenten das Charisma historischer Räume neu. In Frankfurt zeigt die Schottin ihr Können als Kuratorin der Partnerland-Präsentation. Im Interview stellen wir filmreife Settings vor, ohne die Glasgow ein bisschen weniger funkeln würde.

Buchanan Street, The Argyll Arcade. Hier gehen die Glaswegians, wie die Einwohner Glasgows heißen, exklusiv einkaufen. Längst macht die dynamische Schottenstadt der Metropole London in Sachen Stil und Trend Konkurrenz. Einige der schönsten Spots zum Shoppen, Ausgehen und Übernachten tragen die Handschrift der Designerin und Hochschulprofessorin Janice Kirkpatrick – ihr gelingt es, Interieurs aus dem 18. und 19. Jahrhundert überraschend eigenwillig und unbekümmert in die Moderne zu führen. Typisch für britisches Design ist das nicht, oder?

janice-kirkpatrick-buchautorin-interior-star

  • Janice Kirkpatrick

Mrs. Kirkpatrick, wie ist britisches Design im weltweiten Vergleich einzuordnen und welche Tendenzen sind aktuell zu erkennen? Spielt die Tradition eine größere Rolle?

Das Vereinigte Königreich blickt auf eine lange Tradition erfolgreichen Industrie-Designs, die sich bis zur industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt. Die langjährige Ausbildung im Design und die Fähigkeit zu steter Erneuerung stehen ebenfalls für diese Entwicklung, die es als zweitrangig erscheinen lässt, ob man etwa als unkonventionell apostrophiert wird. Auch ist unsere Insellage ideal für Designer, da wir von Natur aus gerne beobachten und dieser besondere Blickwinkel es uns erlaubt, Europa und den Rest der Welt zu betrachten.

Welche Referenzprojekte von Graven sind für Sie von besonderer Bedeutung, und warum?

Die aktuellen Projekte sind immer die wichtigsten, während wir auf unseren Wegen stets neue Fähigkeiten und Erfahrungen sammeln oder auch tolle Kunden bei uns aufnehmen, sind wir immer auf den Horizont und damit auf die gegenwärtigen Projekte fokussiert, die derzeit Radisson BLU und RED, die Gestaltung diverser Arbeitsumfelder, eine neue Kosmetikmarke für ein Unternehmen in Äthiopien sowie unser eigenes Graven-Portfolio umfassen.

Design und Funktion, in welchem Verhältnis steht das für Sie?

Wir sind nur so gut wie unser letztes Projekt, und jeder Designschritt, den wir machen, trägt letztlich zur Ausführung eines geschäftlichen Auftrages bei. Die Funktion ist eine Grundlage unseres Designansatzes, aber Funktion kann ebenso kulturelle wie nützliche oder finanzielle Aspekte haben.

Woraus schöpfen Sie Ihre Kreativität, was inspiriert Sie? Wirkt hier der Wechsel zwischen den Welten, das Farmleben einerseits, das Designstudio andererseits, als produktive Kraft?

Ein Mensch zu sein, bedeutet für mich, kreativ zu sein. Was mich aber von anderen unterscheidet, ist mein Arbeitsumfeld, das es mir erlaubt, aus nahezu allem etwas Sinnvolles zu schaffen, das ist das Besondere an Design. Ich bin von Natur aus neugierig und finde die natürliche Welt unendlich inspirierend, weitaus mehr als die Stadt.

Die Hotels großer Ketten erscheinen oft austauschbar. Man steht in der Lobby, und nichts deutet darauf hin, dass man sich gerade in Rom, Berlin oder London befindet. Wie schafft man Charakter und Wiedererkennungswert in den Gebäuden, die zu einem weltweit agierenden Unternehmen gehören?

Indem man sich unter die Oberfläche eines Ortes begibt, um zu verstehen, was ihn so einzigartig macht. Jeder Ort ist verschiedenartig und speziell und durch viel mehr als seine nationalen Wahrzeichen definiert. Man kann durchaus unterscheiden, ob sich jemand bemüht hat, echte Aussagen zu einem Ort zu entwickeln, oder ob er nur Allgemeinplätze verbreitet, die ohnehin jeder kennt. Es ist dann die Aufgabe von Design, diese Besonderheiten eines Ortes auf ein Ambiente oder ein Produkt zu übertragen.

Städte mit bedeutender Historie und Architektur: Glasgow und Frankfurt am Main, gibt es Parallelen? Wie empfinden Sie den Spirit von Glasgow?

Glasgow ist weitgehend eine postindustrielle Stadt, die aber noch immer Wert auf Kreativität legt, auf die globale Blickrichtung und die Herstellung von Dingen. Es hat eine große kreative Community und liebt es zu provozieren. Viele Jahre sind seit meinem letzten Besuch in Frankfurt am Main vergangen. Und wie im Falle Glasgows erinnere ich mich an eine schöne Stadt und beide haben berühmte Flüsse. Ich freue mich auf meinen Besuch im Februar in Frankfurt, wo ich mir die vielen neuen Gebäude ansehen möchte.

Wer könnte einem Kleinod aus vergangenen Tagen wie „The Corinthian Club“ widerstehen, von innen wie außen eines der kunstvollsten und am üppigsten verzierten Gebäude Glasgows. Man darf behaupten, Janice Kirkpatrick gestaltete das Restaurant und die Bar so facettenreich wie ein Art Déco-Collier. Nicht nur in den absolut spektakulären Kokon-Sesseln im Restaurantsaal darf sich der Gast „sophisticated“ fühlen. Den richtigen Ton traf die Designerin auch im Naturkost-Imbiss „Martha‘s“ in der St. Vincent Street. Im kleinen Lokal ging es der Designerin darum, eine Lösung zu finden, das perfekte Produkt für eine bestimmte Aufgabe zu liefern. Laufkundschaft, kurze Verweildauer, gesundes Fastfood, da muss die Einrichtung stimmen. Ein Markenzeichen von Janice Kirkpatrick: die riesigen Lampenschirme, die Räume skulptural ordnen. Ein edles Stilmittel, das den vielen Designstudenten in Glasgow sicher schon aufgefallen ist. Vielleicht sogar im ehrwürdigen schottischen Bankhaus „Clydesdale“.

the-corinthian-club-kokon-sesseln-deco-collier

  • The Corinthian Club, Glasgow

marthas-fastfood-lampenschirme-clydesdale

  • Martha’s, Glasgow

rox-blickrichtung-kreativitaet

  • ROX, Glasgow

clydesdale-bank-schottisch-bankhaus

  • Clydesdale Bank, Glasgow

Sollten Design-Studenten marktorientiert und unternehmerisch denken?

In erster Linie sollten Designstudenten auch zu Designern ausgebildet werden und äußerst kreative Fähigkeiten sowie zeichnerisches Talent mitbringen. Designer sind per Definition unternehmerisch, weil Design eine eigenständige Branche ist und eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Business darstellt, gleich welcher Provenienz.

Wenn Sie bei Null anfangen könnten und ein grenzenloses Budget hätten: Wie würden Sie das perfekte Designstudium für die Zukunft gestalten?

Zeichnen, zeichnen, zeichnen…

Welchen Roman haben Sie zuletzt gelesen oder gibt es einen Roman, eine Geschichte, ein Gedicht, von dem Sie fasziniert sind?

Zurzeit lese ich Diana Gabaldons Romanzyklus „Outlander“, der sehr unterhaltsam ist und in der Nähe von Glasgow verfilmt wird, sowie Neil Gaimans „American Gods“.

Ihr neues Buch erscheint demnächst. Worum geht es?

Ich schreibe an einem Buch mit dem Titel „Brands for Boards“, das auch erklärt, warum Marken in die Vorstandsetage und nicht in eine Marketingabteilung gehören.

Wie sind Sie privat eingerichtet, gibt es Lieblingsdesigns?

Vielleicht eine Mischung aus Regionalem aus Schottland und Skandinavischem. Das Zuhause ist kein Geschäftsraum, und zuhause gibt es keine Regeln für Design. Ich lebe auf einer alten Farm aus dem 15. Jahrhundert in den Bergen von Ayrshire. Es ist ein einfaches, für die Region typisches Gebäude, das mit einer Mischung aus altem und neuem Design eingerichtet ist. Ich liebe Dinge, die mit zunehmendem Alter besser werden. Die Objekte selbst können dabei traditionell oder modern sein. Je älter ich werde, desto mehr vermeide ich erkennbar stylische Produkte, weil ich ihrer sehr bald überdrüssig werde.