Die Perfektion des Unperfekten.

Gastbeitrag von Nicolette Naumann, Vice President der Ambiente

Wabi-Sabi nennen es die Japaner, wenn Produkte Unregelmäßigkeiten zeigen und auf den ersten Blick sogar kleine Fehler. Falsch ist daran allerdings gar nichts, denn die Schönheit im Unvollkommenen zu entdecken, gilt in Fernost als ästhetisches Konzept des Kunsthandwerks. Es schenkt den Dingen Wahrhaftigkeit und Seele und ist einer der stärksten und sympathischsten Design-Trends für Geschirr, Möbel und Wohn-Accessoires, die auf der Ambiente zu beobachten waren.

Vor Jahren reiste eine gute Freundin, die sich mit Quilten und textiler Weberei beschäftigt, im Rahmen eines Wettbewerbs nach Tokio. Sie erzählte mir nach ihrer Rückkehr die spannende Geschichte von Wabi-Sabi: In Japan werden in Quilts absichtlich Fehler eingearbeitet. Beispielsweise ein kleines Stück roter Faden, das in einen grauen Stoff gewebt wird, um so die Handarbeit erkennbar zu machen. Auf meinen späteren Reisen durch Japan fiel mir diese besondere Ästhetik des vermeintlich Fehlerhaften immer wieder auf. Im traditionellen japanischen Kunsthandwerk müssen Dinge nicht perfekt gestaltet sein. Im Gegenteil. Eine Teeschale in Krakelee-Technik mit gesplitterter Glasur ist dort mit großem Wert verbunden.

Vom Kunsthandwerk zur industriellen Produktion

Wabi (侘び) bedeutet „geschmackvolle Einfachheit“, Sabi (寂び) könnte man mit „Antikem“ oder „nicht perfektem Aussehen“ übersetzen. Für jemanden, der Handarbeit schätzt, ist das ist nichts Neues. Neu ist allerdings, dass Wabi-Sabi und die Schönheit des Unvollkommenen jetzt vermehrt auch im industriellen Produktdesign stattfindet. Wie Geschirr, das mit unregelmäßigen Glasuren sehr individuell anmutet, tatsächlich aber ein Serienprodukt ist. Die Menschen sehnen sich offensichtlich nach einer Wahrhaftigkeit und Langlebigkeit von Produkten. Einfacher gesagt: Man muss nicht immer gleich alles über den Haufen werfen, wenn ein Produkt Patina oder Gebrauchsspuren zeigt. Hier kann nichts den Glanz verlieren, was sich nie damit geschmückt hat. Die Message ist positiv: Es geht im Großen auch um die Akzeptanz von Fehlern.

Tassen von Kinto aus Japan
Kinto
Schwarzes Geschirr von Rosenthal
Rosenthal
Teller und Schalen von Denby Studio
Denby

Wird Wabi-Sabi das neue Hygge?

Wir haben es hier nicht mit einer konkreten Stilrichtung zu tun, sondern mit einer ästhetischen Philosophie. Eine Haltung, die das Design beeinflusst und dabei dem großen Interieur-Trend Hygge gar nicht so unähnlich ist. Bei beiden Trends beobachte ich eine Art Aussöhnung zwischen der cleanen Formsprache der klassischen Moderne und dem traditionellen Handwerk. Während im Hygge-Design alles sehr hell und leicht ist und es in diesem Sinne ein eher femininer Trend ist, bringt Wabi Sabi jetzt unter anderem durch die dunkle Farbgebung und eine gewisse Robustheit und maskuline Elemente mit ein. Nehmen wir zum Beispiel den dänischen Hersteller Muubs, bei dem Schnitzer und Kanten den Charme der Produkte ausmacht, wie Tische, in der natürliche Risse im Baumstamm sichtbar verbunden werden. Oder die Leinen-Kissen vom schwedischen Label Lovely Linen. Textilien, die unregelmäßig gewebt sind, Fransensäume und Knitterfalten zeigen, geben den Kissen Lebendigkeit.

Massivholz-Esstisch von Muubs
Muubs
Massivholz-Bartisch von Muubs
Muubs
Interior mit Tischwäsche aus Leinen von Lovely Linen
Lovely Linen
Kissen mit Kissenbezügen aus Leinen von Lovely Linen
Lovely Linen

Alltagsprodukte bekommen Seele

Besonders spannend finde ich, dass Wabi-Sabi nicht über nach außen gerichtete Prestige-Objekte in unser Leben kommt, sondern eher über ganz alltägliche Gegenstände wie Schneidebretter mit lebendiger Holzmaserung, Küchenhandtücher oder schlichte Badezimmer-Accessoires. Es ist ein positiver Trend, dass ansprechendes Design von Alltagsprodukten eine immer größere Rolle spielt.

Der holländische Designer Piet Hein Eek hat gerade eine limitierte Ikea-Kollektion lanciert, bei der die Prinzipien der Massenproduktion auf den Kopf gestellt wurden. Er wollte Objekte aus industriellem Produktionsvorgang menschlicher und persönlicher gestalten, beschreibt er die Kooperation. So zeichnete er beispielsweise das Schachbrettmuster für ein Küchenhandtuch frei Hand. „Das Muster wirkt handgemacht, ist aber eigentlich auf einer erstklassigen Webmaschine in großer Stückzahl hergestellt“, erklärt Piet Hein Eek.

Badezimmer-Accessoires von Kenkawai
Kenkawai
Schneidebrett aus Holz von Laura Living
Laura Living
Küchentuch von Piet Hein Eek für Ikea
Ikea

Handwerk in moderner Formsprache

Ein weiterer spannender Aspekt ist die schlichte Designsprache, die traditionell auch mit Wabi-Sabi verbunden ist. Schnörkellose und reduzierte Formen, dafür steht das „Wabi“. Plakative Beispiele sind die puristischen Möbelstücke und Accessoires des japanischen Interieur-Labels Time and Style. Hier beeindruckt mich, dass wirklich jedes Stück von Hand in traditionellen Werkstätten gefertigt wurde: vom Handtuch bis zum Sideboard, von der Glaskaraffe bis zum Keramikaccessoire. Das Label, das mehrere Geschäfte in Asien betreibt, hat kürzlich auch in Amsterdam einen Flagstore eröffnet, in dem die starke Verbindung aus klassischer Moderne und traditionellem Handwerk deutlich wird.

Möbel und Inneneinrichtung bei Time and Style in Amsterdam
Time & Style

Vergoldete Fehler: Kintsugi

In Japan gibt es noch eine weitere sehr schöne Tradition, Unvollkommenes wertzuschätzen, die auch der Ästhetik von Wabi-Sabi zugeordnet wird: „Kintsugi“ (金継ぎ) nennt sich eine Reparatur-Methode für Keramik, bei der Scherben in einem sehr aufwändigen Prozess mit goldenem Kit geklebt werden und Geschirrteile oder Fliesen dadurch sichtbare goldene Narben bekommen. So wird sehr deutlich, dass etwas Altes nicht weniger wert ist als etwas Neues.

Teller und Schalen von YenChen Design Studio
YenChen Design Studio/Fresh Taiwan
Interior im Restaurant Anahi in Paris
Restaurant Anahi, Paris/© Adrien Daste, Giraudi
Fließen im Restaurant Anahi in Paris
Restaurant Anahi, Paris/© Adrien Daste, Giraudi

Wabi-Sabi in der Mode

Meine große Begeisterung galt schon in den 80er Jahren dem japanischen Modelabel Comme des Garçons. Gründerin Rei Kawakubo hat mit ihren offenen Säumen, asymmetrischen Schnitten plötzlich Menschen für den Laufsteg begeistert, die vorher für die Haute Couture wenig übrig hatten. In Japan waren das alte Gestaltungsprinzipien der Mode, bei uns war und ist das bis heute etwas Revolutionäres.

Frau mit Outfit im Wabi-Sabi-Look
Vivienne Westwood, © Damian Foxe/how to spend it, Financial Times
Mann mit Outfit im Wabi-Sabi-look
Comme des Garçons Homme Plus, © Damian Foxe/how to spend it, Financial Times

Restaurant-Tipp

Man muss noch nicht einmal nach Japan reisen, um auf die Prinzipien von Wabi-Sabi zu stoßen. Beispielsweise im Frankfurter Restaurant Gustav finde ich vieles davon wieder: Im Interieur spielt Kunsthandwerk eine große Rolle, das Essen wird auf dunklem Geschirr mit schweren Leinenservietten angerichtet, und auch die Küche folgt dem Prinzip des traditionellem Handwerks: durch Räuchern, Einlegen und Vergären werden regionale Zutaten überraschend und ungewöhnlich zubereitet.

Interior im Restaurant Gustav in Frankfurt
Gustav Restaurant, Frankfurt
Teller mit Speisen im Restaurant Gustav in Frankfurt
Gustav Restaurant, Frankfurt

Inspiration, Poesie und Wissen: Wabi-Sabi in Büchern

Ein schöner Weg, in diese besondere Art des Produktdesigns einzutauchen, ist die Lektüre der folgenden Bücher, die ich jedem Interessierten ans Herz legen kann. Vom theoretischen Standardwerk, das die jahrhundertealte Philosophie von Wabi-Sabi für Designer erklärt, bis hin zum üppig bebilderten Coffee-Table-Book mit Deko-Ideen.

Bücher-Tipps zum Thema Wabi-Sabi
1 Axel Verfoordt: Wabi Inspirations, Flammarion Verlag
2 Hans Blomquist: Simple Chic, Christian Verlag
3 Leonard Koren: Wabi-Sabi für Künstler, Architekten und Designer, Wasmuth Verlag
4 Mark & Sally Bailey: Handmade Home, Ryland Peters & Small Verlag