The Bamboo Way of Life.

Bambus, das stabile Riesengras, ist ein Schwergewicht in Sachen moderner Optik und Nachhaltigkeit. Galt Bambus früher als „Bauholz des armen Mannes“, veredelt Möbeldesigner Sandeep Sangaru den Urwuchs heute zum selbstbewussten und noblen Botschafter indischer Tradition. Sein Plädoyer für den schnell wachsenden Werkstoff nimmt unter dem Sternenhimmel des „Starry Night Cafés“, dem diesjährigen Partnerland-Ruhepool Gestalt an. Im Interview lernt man einen Mann kennen, der aufgebrochen ist, altbekannten Techniken seiner Heimat völlig neuen Freiraum zu geben.

Sandeep Sangaru ist Zeitreisender und Erneuerer. Er überführt Techniken, die auf jahrhundertealtem Wissen basieren, ins Morgen und macht sie attraktiv für den globalen Markt. Der 44-Jährige will Design als Schnittstelle zu den Fähigkeiten von Kunsthandwerkern etablieren. Sein Studio im indischen Bengaluru hat sich auf Möbeldesign und Kunsthandwerk spezialisiert und wurde mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet. Geboren in Shillong, einer Bergstadt im Nordosten Indiens, berühmt als das „Schottland des Ostens“, wurde ihm früh der Umgang mit der Natur vertraut. „Auch baute ich als Kind gern Dinge auseinander und neu wieder zusammen, dieses Experimentieren ließ mich fortan nicht mehr los“, sagt er. Nach dem Studium am National Institute of Design in Ahmedabad und Stationen im Maschinenbau und in der indischen Filmindustrie besann er sich auf das einzigartige Potential seines Landes: jene wunderschönen Objekte, wie sie nur einheimische Kunsthandwerker schaffen können.

Bambus unterm Sternenhimmel, so ist Ihr Café angekündigt. Wie viel Indien steckt darin?

„Bambus gehört zum Lebensstil der nordöstlichen Bundesstaaten Indiens. Das Café ist inspiriert vom ländlichen Leben und wie Menschen dort im Alltag sozialisiert werden. Ähnlich der Äste eines Baums überspannen zahlreiche Leuchten aus Bambusgeflecht das Café. Darunter zu sitzen, weckt das Gefühl, an einem typisch indischen Dorftreffpunkt zu sein, den wir ‚Chaupal‘ nennen. Das tiefe Blau der Umgebung erinnert an den Abendhimmel und vermittelt Entspannung und Genuss.“

Möbel und Leuchten des Cafés haben Sie in Ihrem Studio in Bengaluru entworfen. Man kennt die Millionenmetropole als Indiens Silicon Valley, internationaler und weltstädtischer als alle anderen Städte im Land. Wo arbeiten Sie in dieser pulsierenden City?

„In den letzten Jahren ist Bengaluru rapide gewachsen, doch dieser Boom bringt auch viele strukturelle Herausforderungen mit sich. Was ich liebe, ist das ganzjährig milde Wetter. Mein Studio befindet sich am Stadtrand auf einem kleinen Stück Land.“

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In Indiens riesigen Bambushainen kann man der Pflanze beim Gedeihen zuschauen, denn unter optimalen Bedingungen wächst sie über einen Meter am Tag. Den Ruf, der Rohstoff kommender Generationen zu sein, hat sich die Superfaser wegen ihrer Nachhaltigkeit erworben. Mehr noch: das große grüne Gras, das viele für Holz halten, besitzt lebendige, unregelmäßige Oberflächen, die selbst industriell gefertigten Objekten den Charakter eines Unikats verleihen.


In Ihrem Studio entwickeln Sie schwerpunktmäßig Objekte aus Bambusfasern. Wie kam es dazu?

„Mein Verstehen von Bambus war zunächst das eines Laien. Erst als ich im Bundesstaat Tripura im Nordosten Indiens Handwerker im technischen Zeichnen unterrichtete, begann ich Bambus in einem anderen Licht zu sehen. Bambus gehört in Tripura zum Lebensstil. Jeder verwendet Bambus in irgendeiner Form, ob für Brücken, Häuser, Fischfallen oder als Regenschutz. Selbst Kinder können schon Körbe daraus flechten, noch bevor sie in die Schule kommen. Alles was ich dort sah, war einfach wie funktional. Als Industriedesigner stellte ich mir die Frage, inwieweit ich diesen vielseitigen Rohstoff noch weiterentwickeln kann.“

Sie bauten zunächst einen recht ungewöhnlichen Stuhl. Und holten damit Bambusmöbel gewissermaßen ins 21. Jahrhundert.

„Der Stuhl besaß nur ein Bein und ähnelte einem Dreieck. Ich wollte Bambus nicht nur auf neue Weise zeigen, sondern auch die Fertigungstechnik sollte eine noch nie dagewesene sein. Ich fing an, das Spalten und Beschichten neu zu überdenken. Prototyp war dieser einbeinige Stuhl, ein Spaßprodukt, das aber größte Aufmerksamkeit fand. In der Folge entwarf ich eine Möbelkollektion, die im Jahr 2009 den „Red Dot Design Award“ gewann. Ich nannte sie ‚Truss-Me‘, da niemand Bambus als Material wirklich vertraute. Im Ambiente Café sind Bänke und Tische aus dieser Kollektion zu sehen.“

Uns fällt die edle Kombination mit Stahl und Messing auf. Auch sind die Bambusstreben teilweise farbig lackiert. Alles wirkt leicht und dennoch stabil. Möbeldesigner auf der ganzen Welt müssten doch Lust auf diese Gestaltungsfreiheiten bekommen haben, aber noch ist Bambus nicht deren erste Wahl. Woran liegt das?

„Tatsächlich haben sich viele Designer mit Bambus beschäftigt. In Europa jedoch existiert kein traditionelles Wissen über diesen Werkstoff. Deshalb wird Bambus im Westen eher wie Holz verarbeitet. Der Stil jener Designer, die das Material erst importieren müssen, ist eher eine industrielle Ästhetik. Die verschiedenen Bambusarten sind schwer auf dem Markt zu bekommen. Um mit Bambus zu arbeiten, muss man dort sein, wo das Material verfügbar ist.“

Wie sehen Sie generell das indische Möbeldesign im internationalen Vergleich?

„Hier gibt es noch viel zu tun. Unterstützung durch die Möbelindustrie und die Regierung wären notwendig, um die Entwicklung originaler Designs, die unser reiches Erbe veranschaulichen, voranzutreiben – ob bei industriell hergestellten Möbeln oder Objekten, die auf traditionelle Weise entstehen. Unsere Designer haben von Anfang an, als Jobs und Karrieren in der Industrie praktisch nicht vorhanden waren, unternehmerisch gedacht. Viele fingen mit einem eigenen Studio an, wagten und kreierten eine eigene Nische.“

Seine neue Art, mit Bambus umzugehen, brachte Sandeep Sangaru auf die Überholspur. Weitere Experimente führten ihn nach Kaschmir, wo er mit Holzschnitzern zwei vergessene persische Künste wiederentdeckte. „Pinjra-Kari“ und „Khatamband“ heißen jene folkloristischen Schnitzarbeiten, die mit Dreieck, Quadrat und Hexagon eine hochkomplexe Geometrie hervorbringen. War das filigran durchbrochene Dekor aus dunklem Walnussholz bis dahin vor allem in Form von Balkonbrüstungen und Deckenverkleidungen verbreitet, zitierte es der Designer etwa auf Stühlen.

Warum Kaschmir?

„Das Nebeneinander der Kulturen in Kaschmir faszinierte mich. In dem kleinen Tal, das ich seinerzeit in Kaschmir besuchte, kam die persische Handwerkskunst vor hunderten Jahren an. Durch örtliche Handwerker nahm sie eine eigene Form an. Ich stellte mir die Frage, wie ich das Handwerk der Kulturen in Einklang mit zeitgenössischem Design bringen kann.“

Für Außenstehende umgibt die komplizierten Muster, darunter auch florale, etwas Geheimnisvolles. Das gilt auch für die Gemeinschaft dieser Handwerker, die sich kaum in die Karten schauen lassen, oder?

„Wenn eine von Generation zu Generation tradierte Technik einzigartig und noch dazu für das Auskommen einer Gemeinschaft sorgt, ist das nur verständlich. Ihr Wissen im großen Rahmen mit Fremden zu teilen, würde letztlich zu einer Kommerzialisierung führen, wodurch der Wert sinkt.“

Bald nutzten Sie Terrakotta und eine überlieferte Lackierungstechnik. Wo wurden Sie fündig?

„In Channapatna, unweit von Bengaluru, werden Perlen und Spielzeug aus Oleanderholz hergestellt. Da der Verdienst gering ist, sind nicht viele bereit, das alte Handwerk auszuüben. Das Lackieren beruht auf einer einmaligen Technik, mit der ich experimentierte. Ergebnis war ein Bambusstuhl mit eben dieser Lackierung. Damit wurde die Handwerkergemeinschaft ermutigt, neue Wege zu beschreiten, ohne dafür Werkzeuge austauschen zu müssen. Später rückte Terrakotta in mein Blickfeld. Ich erkannte die Vielfalt indischer Keramik, etwa im Bundesstaat Manipur, und studierte traditionelle Kochmethoden, was mich an meine Kindheit erinnerte, als meine Großeltern mit Terrakotta-Gefäßen über dem Holzfeuer kochten. Die Aromen werden durch das Material erdiger, das mag ich sehr. Aktuell interessieren mich handgewebte Textilien, das Steinhandwerk und andere Techniken, die nachhaltige Materialien einsetzen.“

In Sandeep Sangarus Werkstatt sind Dutzende Kunsthandwerker nicht nur mit Schnitzen, Bambusbiegen und Lackieren beschäftigt, sondern ebenso in den Gestaltungsprozess mit eingebunden. Spezialisten aus Tripura, Holzfachleute aus Bihar und Kaschmir sowie erfahrene Lackierer aus Channapatna lernen hier neue Produkte zu entwickeln, von der Idee auf dem Papier über die Prototypen bis hin zur Marktreife. Werkstätten, die nachhaltig und sozial produzieren und dabei eng mit dem jeweiligen Designer zusammenarbeiten, gibt es in Indien viele.

Die Herstellung guter Produkte erfordert eine starke Zusammenarbeit“. Was hat Ihr Credo zum Ziel?

„Als Team kreieren wir neues Wissen, Innovationen und Märkte. Wir ermutigen damit auch die jüngere Generation, die traditionellen Techniken fortzuführen und zu verbreiten.“

Möbeldesign-Ikone Georg Katsutoshi Nakashima, der in den USA berühmte öffentliche Interieurs entwarf und dessen Arbeit nach dem Aufenthalt in einem indischen Ashram von einer tiefen religiösen Haltung geprägt war, gehört zu Ihren Vorbildern. Gibt es noch weitere?

„Ja, der Möbeldesigner Hans J. Wegner. Außerdem Pablo Picasso, Vincent van Gogh, Claude Monet und der Bildhauer Anish Kapoor, um weitere zu nennen. Ich bewundere deren Perspektiven. Warum? Vielleicht da in ihren Arbeiten so ein Gefühl von raffinierter Rohheit steckt.“

Haben Sie einen Tipp, wie man einen Raum am einfachsten verschönert?

„Für mich spielt Beleuchtung eine wichtige Rolle, um einen Raum in einen neuen zu verwandeln. Farbwechsel und Bodenbeläge sind am einfachsten für ein Makeover. Mein privater Stil ist zurückhaltend, ja minimal. Zuhause stehen überall Prototypen meiner Arbeit.“

Was bedeutet Ihnen Design?

„Design ist ein ‚way of life‘. Design ist alles, was wir täglich tun. Im Kern heißt das, ein Problem zu lösen, mit Ressourcen, die vor Ort zugänglich sind. Das wurde mir klar, als ich Kunsthandwerkern zusah. Für mich sind diese Handwerker Designer, bevor es Designer überhaupt gab. Das Designstudium lehrte mich das ‚Learning by doing‘ und alles in einem größeren Ökosystem zu betrachten. Reif wurde hier die Erkenntnis: Die Lösung ist nicht immer ein greifbares Produkt, aber sie könnte eine Änderung der Entscheidungen sein, die wir treffen. Ich schaue nicht auf Trends, um das Marketing zu bedienen. Ich schöpfe aus dem Lebensstil und Materialien meines Landes. Ich bin überzeugt: Ein gut designtes Produkt ist zeitlos. Anstatt Trends nachzujagen, sollten wir nach Qualität streben.“

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