Trend Instincts.

Wie filtert man unter vielen Tausend Ideen und Erscheinungen, die weltweit kursieren, die wirklich relevanten Design Trends? Eine Mammutaufgabe, der sich Annetta Palmisano und Claudia Herke vom Stilbüro bora.herke.palmisano alljährlich zur Ambiente stellen. Ihre Analyse im Team mit dem Berliner Cem Bora krönt eine Trendschau in Form von großen Rauminszenierungen. Wir trafen zwei der Trendscouts für ein Interview hoch über der Stadt, um tief in eine Materie zu blicken, die sich mit Sammeln, Entschlüsseln und Interpretieren beschäftigt.

Der Blick aus dem 22. Stock des Messe-Torhauses über Frankfurt ist gigantisch. Die Metropole zeigt sich im schönsten Licht. Der Weitblick bezogen auf Trends und die stärksten Impulse in der Konsumgüterindustrie beschäftigt die Designerinnen Annetta Palmisano und Claudia Herke das ganze Jahr. Sie recherchieren und analysieren feinste Strömungen, werten Einflüsse aus Kunst, Architektur und Mode aus und extrahieren die wichtigsten Themen – um daraus eine Trendschau zu kreieren, welche die maßgeblichen Inspirationen vereint. Für die neue Saison haben sie drei Key-Trends erarbeitet, die im Titel auf ein hohes Maß an Natürlichkeit, Energie und Persönlichkeit hindeuten: Tasteful Residence. Quiet Surrounding. Joyfilled Ambience.

In Ihren Mood-Charts entdecken wir tiefe Farben, viele Rottöne sind darunter, sowie weiche und handwerkliche Materialien, die wie für gemütliche Stunden zuhause gemacht sind. Spiegelt sich in diesen Trends nicht eine ungeheure Lust auf Komfort und Slow Craft?

Annetta Palmisano: Absolut. Vor allem gibt es eine große Suche nach Erdung und Anbindung. Gleichzeitig bringt die Digitalisierung als Meta-Trend ständig neue Möglichkeiten hervor. Wir stellen fest, dass sich High-Tech-Verfahren immer stärker mit traditionellen Handwerkstechniken verbinden; so entsteht Neues. Aktuell ist das auch bei farbigen Glasobjekten und polierten Oberflächen zu sehen. Was sich schon länger andeutete, kommt jetzt voll zur Geltung – Möbel, Stoffe und Accessoires geraten in einen Farbrausch, der das Luxuriöse und Raffinierte vermittelt, aber auch der Entspannung und Balance dient.“

Claudia Herke: „Beim Trend ‘Tasteful Residence‘ sind Veloursstoffe und überhaupt weiche, volumige Materialien ein wichtiges Thema. Beerentöne und ein dunkles Petrol treffen hier den sinnlichen Ton. Vom Einfachen das Beste, charakterisiert im Kern den Trend ‚Quiet Surrounding‘. Raus in die Natur, um Stille und reine Impulse zu finden. Ehrliche Materialien, welche die Umwelt nicht belasten, und vielleicht der Wunsch, sein Leben umzukrempeln. Bei vielen Interior Designern äußern sich diese Sehnsuchtsgedanken durch Kollektionen, die auf Langfristigkeit setzen. Hanf und Leinen sind stark, Stroh, Ton und Keramik – häufig auf Recycling-Basis – ebenso. Wegweisende Ideen sind darunter, etwa Kindermöbel aus 100% recyceltem Plastikspielzeug. Enthusiastisch, fröhlich bunt und mit expressiven Mustern kommt der Trend ‚Joyfilled Ambience‘ daher. Dessen Motor ist das Streben nach Selbstinszenierung und zugleich ein stimulierender Toleranzgedanke. Jeder darf so sein, wie er ist.“

Annetta Palmisano: „Extreme handwerkliche Perfektion steht ganz oben. Das ist definitiv der rote Faden dieser Trends, und die neuen Technologien sind ein Teil dessen. Ich denke da an lichtleitendes Glas, das spektakuläre Designs ermöglicht und die Lichtquelle gar nicht mehr erkennen lässt. Vor zehn Jahren gab es bereits tolle, im 3D-Verfahren hergestellte Leuchten. Mittlerweile ist im additiven Verfahren fast alles möglich, beispielsweise Schmuck aus echtem Gold. Das ist eine Revolution, wenn auch aktuell noch sehr teuer.“

Impulse aufspüren. Das bedeutet kontinuierliches Beobachten von Gesellschaftsströmungen und Konsumsehnsüchten. Am Ende der Analyse stehen Trends fest, die einen Spiegel unserer Bedürfnisse darstellen, über kurz oder lang.

Wo genau werden die Trendexpertinnen fündig? Uns interessiert, ob das, was man bei den jüngsten Haute Couture-Schauen in Paris und New York gesehen hat, beim Produktdesign wiederfinden wird – so kündigt sich bei Cord-Stoffen ein Revival an.

Annetta Palmisano: „Mode ist für eine Trendaussage im Konsumgüterbereich nicht mehr ganz so zentral. Die Mode hat sich enorm beschleunigt, die Trends sind kurzlebig. Wo bildet sich in den Kollektionen tatsächlich ein interdisziplinärer Trend ab, das hinterfragen wir sehr kritisch. Gleichwohl finden wir im Bereich Mode das Interior Meta-Thema Natur gerade omnipräsent. Da legt ein Pariser Couture-Label einen kompletten Wald und zuletzt einen Sandstrand für eine Show künstlich an oder in der Print-Werbung tauchen weitläufige Landschaften und romantische Hinterhöfe auf. Cord, von den meisten als rustikal, natürlich und charakterfest empfunden, könnte also durchaus im Interior seine Stärken ausspielen.“

Claudia Herke: „Japanische und koreanische Produkte haben einen großen Einfluss, daher reisen wir regelmäßig nach Tokio. Wir schätzen den japanischen Markt und die Japaner schätzen den deutschen beziehungsweise europäischen Markt. Für Europäer ungewöhnliche Konzepte findet man oft dort zuerst. Etwa Internet-Cafés mit Kabinen, in denen man sich ausruhen oder schlafen kann. Doch auch aus Skandinavien kommt nach wie vor viel Innovatives im Produktdesign. Im Weiteren beobachten wir immer, was von namhaften Hochschulen kommt. Die Design Academie Eindhoven in den Niederlanden zählt sicher zu den besten Talentschmieden. In Deutschland entgeht uns nicht, was wichtige Namen präsentieren, darunter der Offenbacher Produktdesigner Sebastian Herkner, Stefan Diez in München und Konstantin Grcic, der mittlerweile in Berlin arbeitet.“

Zahlreich sind die Indikatoren und Strömungen, die es im Weltmarkt gibt. Das Möbeldesign sei eine wichtige Tendenz, so Annetta Palmisano: „Was uns bei der Möbelmesse in Mailand begegnet, finden wir in den von uns analysierten Trends bestätigt.“ Überdies sind die Frankfurterinnen von interdisziplinären Konzepten begeistert und nennen als Referenz das Experimentalrestaurant „Noma“ in Kopenhagen, wo Sternekoch René Redzepi puristisch-nordische Gerichte auf die Karte setzt. Das Lokal ist Mittelpunkt einer modernen Stadtfarm und chic von den Fachwerkbalken bis zur Designer-Türklinke. „Macher, die an vielen Stellen aktiv sind – hier der Koch, der sich intensiv mit dem Anbau von Pflanzen, authentischem Design und Geschirr-Keramik beschäftigt – haben unsere Aufmerksamkeit.“ In Frankfurt gedeihen ganz ähnliche Spitzenreiter. Claudia Herke genießt die Auswahl: „Die Stadt hat so viele Neueröffnungen, alles entwickelt sich rasant. Ich wechsle daher gern die Restaurants. Im ‚Gustav‘ gefällt mir momentan die stilvolle Avantgarde und wie man dort mit handwerklicher Keramik umgeht.“

Apropos guter Geschmack. Wie sehen die beiden erfahrenen Trendscouts die wachsende Zahl von Influencern und Selfcurators?

Annetta Palmisano: „Es gibt sicher eine ganze Reihe, die sich dank einer enormen digitalen Recherche eine gewisse Kompetenz angeeignet haben. Viele springen aber zu stark auf momentane Ideen und gehen dabei nicht wirklich in die Tiefe. Ihnen fehlt das Fachwissen, zuvorderst bei Handwerkstechniken. Selfcurators wiederum wollen sich von der Masse abheben und machen sich gleichzeitig selbst zum Maß der Dinge.“

Claudia Herke: „Vor allem in der Mode beobachten wir, wie viel Kompetenz durch das Selbstkuratieren verloren geht. Wenn Laien meinungsbildend sind, geht schlicht Kompetenz verloren.“

TRENDS ON STAGE

Höhepunkt der Trendanalyse ist ganz klar die Ambiente Sonderschau in der Galleria, wo die Fachbesucher exklusive Trendaussagen mit Aussteller- und Produktinfos erhalten. Noch können wir in der lichtdurchfluteten Halle nur ahnen, wie die Fläche aussehen wird. „Sind die Produkte ausgewählt, um die drei Trendwelten zu bestücken, gehen wir tiefer in die Detailplanung. Das heißt, wir entwerfen das Set-Design, das hier entstehen soll“, erklären die Expertinnen. Parallel befasst sich ein Innenarchitekt mit dem Entwurf von passgenauen Podesten, Möbeln und Boards. Am Bildschirm entstehen grafische Tapeten, die Szenerien, etwa einen Naturausblick, imaginieren. Am Ende sind nachhaltige Impulse für den Betrachter gesetzt, so das Ziel. „Im Ganzen muss die Dramaturgie aus den verschiedenen Produktdesigns, Farbwelten und Trendaussagen stimmen.“

Wie läuft der Endspurt vor der Schau?

Claudia Herke: „Wir haben für den kompletten Aufbau neun Tage. Das ist sportlich. Denn vieles muss vor Ort koordiniert werden, Handwerker sowie die umfassende Logistik. Produkte, Möbel und Materialproben sind am Ende zu stimmungsvollen Tableaus arrangiert. Letzte Handgriffe? Eigentlich immer am Tag der Eröffnung. Während der Ambiente sind wir natürlich vor Ort. Unsere Führungen und Fachvorträge sind an diesen Tagen ein fester Bestandteil.“

Lassen Sie uns über Ihr Fazit sprechen. Was werden die Besucher der Trendwelten 2019 mitnehmen?

Annetta Palmisano: „Die Schau vermittelt den Besuchern schnell ein klares Bild. Achtsamkeit sich selbst und den Dingen gegenüber ist allgegenwärtig, das ist deutlich zu spüren. Auch das Bedürfnis nach Rückzugsorten in unserer mobilen Welt findet Ausdruck. Natürliche Materialien wie Wolle und Rattan – ein trendiger Werkstoff aus dem diesjährigen Gastland Indien – nehmen Raum ein. Naturbezogenheit und Upcycling bleiben starke Themen. Das hat jedoch nichts damit zu tun, dass man die Zukunft mit ihren vielen Möglichkeiten ablehnt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nicht mehr den ‚einen‘ Trend gibt, der etwas gleichsam abgeschottet abbildet. Vielmehr überlagern sich die Key-Trends. Es gibt klare Schnittmengen oder: einen universellen Grundgedanken in unterschiedlicher Auslegung. Absolut spannend, was wir hier aufdecken konnten. Wir haben diese Trends ja nicht erfunden.“

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