Geschirr-Vielfalt und Dining-Trends.

Gastbeitrag von Holly Becker, decor8

Hi, mein Name ist Holly Becker. Ich bin Interior-Stylistin, Journalistin und Buchautorin sowie Gründerin des decor8-Blogs, komme aus den USA, lebe aber in Norddeutschland. In meinem Beruf machen die natürliche Neugier und der Antrieb, immer wieder Neues zu entdecken, Messebesuche so inspirierend. Dabei geht es nicht nur darum zu berichten, was gerade angesagt ist, sondern auch darum zu ergründen, was hinter den aktuellen Entwicklungen steckt, und vorauszusagen, was kommen wird. Denn neue Produkte und aktuelle Berichte sind das, was ich meinen Followern schulde. Authentizität ist das Merkmal eines professionellen Bloggers, und damit einher geht die ständige Erweiterung des eigenen Netzwerks. Ich freue mich, Ihnen hier meine Ambiente Entdeckungen rund um den gedeckten Tisch präsentieren zu können.

Es gibt kaum etwas Schöneres als ein Abendessen mit seinen Lieben. Ich genieße lockere Treffen mit Freunden und Familie, bei denen man lachen, Geschichten anhören und sich einfach gemeinsam wohlfühlen kann. Nun da der Winter zu Ende geht, kann ich es kaum erwarten, Gartenpartys zu planen: mit Lichterketten und regionalem Essen, mit einer tollen Playlist, unzähligen Kerzen und meiner berühmten Gin-Tonic-Bar mit gartenfrischen Zutaten. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Art Buchwald, der amerikanische Humanist und Kolumnist der Washington Post, einmal sagte: „Essen ist nicht das, was man abends macht, bevor man noch etwas anderes macht. Essen ist der Abend.“ Aus genau diesem Grund gibt es von mir und meiner Kolumnistin Anke Illwe auf decor8 immer wieder Beiträge zum Thema gedeckter Tisch.

Auf der Ambiente wurde mir schon im Laufe der ersten Stunde klar, wohin der Trend geht, und ich war sehr erfreut darüber, dass er genau meiner Philosophie vom Essen und Genießen entspricht. Für mich ist es mehr als ein Trend, es gehört zu meinem Lifestyle. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Sie bereits Elemente daraus für Ihren eigenen gedeckten Tisch verwendet haben. Bevor wir nun aber näher darauf eingehen, halte ich es für sinnvoll, zwei wesentliche Formen des Essens zu unterscheiden: Fine Dining und Casual Dining.

FINE DINING

Hier geht es um eine Inszenierung. Darum, dass man sich von seiner besten Seite zeigt und seinen Gästen signalisiert, dass sie wichtig sind. Beim Fine Dining wird Außergewöhnliches erwartet, und „Foodies“ lassen sich das gerne etwas kosten. Gegenwärtig ist regionale Küche beim Fine Dining angesagt, aber ein guter Koch weiß auch, dass neben dem Rezept die Präsentation der Speisen eine große Rolle spielt. Das ist einer der Gründe dafür, dass Fine Dining sich kontinuierlich weiterentwickeln muss, um die hohen Erwartungen der Kunden zufriedenzustellen.

Auf der Ambiente sah ich eine Menge Services für den exquisit gedeckten Tisch, und es war für mich unendlich faszinierend, durch die Dining-Hallen zu gehen und vor Ort das Angebot von Marken mit einem großen Namen, die es zum Teil schon seit mehreren hundert Jahren gibt, zu bewundern. Und hier kommen meine drei Favoriten im Fine Dining. An erster Stelle Meissen, deren Kunst unübertroffen ist. Spektakuläres Beispiel dafür ist eine Vase, dekoriert mit raffiniertesten historischen Mustern, die bis in das Jahr 1710 zurückdatieren.

Meissen
Meissen

Am Stand von Vista Alegre durfte ich Handwerkskunst live miterleben, als Porzellanmaler Armando Grave einen Servierteller kunstvoll verzierte. Vista Alegre, gegründet 1824, ist für seine Zusammenarbeit mit bekannten Designern wie Christian Lacroix, Jaime Hayon, Oscar de la Renta, Marcel Wanders und vielen anderen bekannt.

Schließlich sah ich bei Royal Delft mit geradezu kindlicher Neugier zu, wie einer ihrer Porzellanmaler 42 Kacheln mit schwarzer Tinte bemalte, obwohl Royal Delft doch für sein Blau berühmt ist. Der Maler belehrte mich, dass die schwarze Tinte sich im Verlauf von 24 Stunden im Brennofen in das bekannte Blau verwandelt. Beeindruckend fand ich auch die Tatsache, dass man erst eine 8-jährige Ausbildung innerhalb des Unternehmens absolvieren muss, bevor man sich Porzellanmaler nennen und Stücke dekorieren oder entwerfen darf, die den hohen Ansprüchen von Royal Delft genügen.
Solch edle Stücke bleiben allerdings dem Fine Dining vorbehalten.

Vista Alegre
Royal Delft

CASUAL DINING

Nachdem wir das Fine Dining mit diesen eindrucksvollen Beispielen vorgestellt haben, widmen wir uns nun dem Casual Dining, womit keinesfalls das Essen in Fastfood-Restaurants oder an Foodtrucks gemeint ist mit all seinem Wegwerfgeschirr. Casual Dining meint vielmehr das bereits beschriebene gemütliche Essen im Freundeskreis in Restaurants oder zuhause. Hier kommt das Geschirr nicht von Meissen oder Royal Delft, es besteht vielmehr aus alltäglichen Kollektionen in allen Preislagen von erschwinglich bis etwas teurer. Und just dieses Casual Dining bildet den Ausgangspunkt für meine nun folgenden Trendaussagen.

Wie sieht der Trend aus?

Ich hoffe, dass ich Ihnen den Mund im wahrsten Sinne des Wortes wässrig gemacht habe und Ihnen endlich meinen Trendfavoriten vorstellen kann, den ich „The New Natural Table“ nenne. Er ist von der Natur inspiriert, erdig, warm, einladend und rustikal und meint eine Form des Essens, die weder hektisch noch protzig oder einengend ist. The New Natural Table will dazu ermutigen, verschiedenstes Geschirr miteinander zu mixen, sei es in Form und Größe, Farbe, Muster oder Material. Handgefertigtes steht neben industriell gefertigten Produkten, die lediglich einen handgemachten Look haben. Die Natur gibt dem Trend einerseits Inspiration für erdige und maskuline Farben und Texturen. Alles was aus der Natur kommt, ist ungleichmäßig und nicht perfekt, Oberflächen sind uneben und organische Formen weisen Beulen und Kratzer auf. All das verleiht Charakter und Persönlichkeit und ist zugleich kuschelig und persönlich. Andererseits hat dieser Trend aber auch Einflüsse vom skandinavischen Lifestyle, der unangestrengt, gemütlich, freundlich und preiswert daherkommt. Auch Elemente aus Ostasien, speziell aus Japan, nimmt er in sich auf, wie etwa die Wabi-Sabi-Ästhetik, die für Imperfektion, Handwerk und Schlichtheit steht.

Eine weitere Verbindung gibt es auch zwischen The New Natural Table und Männern. Es ist ganz offensichtlich, dass heutzutage mehr Männer kochen als in der Generation unserer Eltern und Großeltern. Ich möchte wetten, dass einige Ihrer Lieblingskochbücher oder Kochsendungen von Männern geschrieben bzw. moderiert werden. Ich glaube, dass Männer, insbesondere Köche, diesen Trend beeinflussen, weil sie die Gerichte in unseren Lieblingsrestaurants auf den Tisch bringen und am liebsten auch das Tischzubehör nutzen, das zu ihrer Ästhetik und zu ihren Rezepten passt.
Hausmannskost liegt derzeit im Trend und bestimmt auch das Tischdekor. Viele alltägliche Gerichte und Klassiker werden deshalb auch auf einfachem Geschirr serviert und nicht wie in gehobenen Restaurants. Es sind auch nicht nur Köche, die das Kochen genießen. Keineswegs! Viele Männer lieben es und sind stolz darauf, zuhause zu kochen. In der Generation meiner Mutter war es Sache der Frauen, das Essen zuzubereiten, in unserer modernen Zeit ist es zu einem geteilten Vergnügen geworden. Nicht zuletzt aus diesem Grund erfährt das Casual Dining einen rustikaleren Einschlag, denn Männer benutzen das Geschirr, das zu ihren Bedürfnissen auch passt. Die bisher genannten Kriterien für unseren Trend werden im Folgenden mit Fotos von der Ambiente und Erläuterungen noch einmal vertieft.

Natürliche Farben und ein Stil-Mix

Ich sah sehr viel Schwarz und Weiß, aber auch weiche Pastelltöne und kräftigere Farben wie Rost, Braun, Salbei, Terracotta und Blau. Ich konzentriere mich aber auf die Farben, die der Natur nachempfunden sind: einen indigofarbenen Teller, so blau wie der Ozean, um Seebarsch zu servieren, eine salbeigrüne Platte für gartenfrischen Salat und rostfarbene Schüsseln für Basmati-Reis, um einen schönen Kontrast herzustellen. Ich sah viele Glasprodukte in den Farben Salbei, Rosé und Grau, wie z.B. bei Ichendorf Milano. Ich glaube, dass wir noch über einen längeren Zeitraum gefärbtes Glas zu sehen bekommen.

Ichendorf Milano
Aida Denmark

Trendig ist auch ein Mix aus verschiedenstem Geschirr. Das freut mich, denn es nimmt den Druck, einen perfekt abgestimmten Tisch inszenieren zu müssen. Man braucht kein komplettes Service mehr zu besitzen. Für Weihnachten oder Ostern und jeden besonderen Anlass mag es zwar unerlässlich sein, aber für alltägliches Casual Dining werden wir von vielen Marken und Experten dazu ermutigt, die Dinge zu mischen, spielerisch damit umzugehen und Spaß zu haben! Mischen und anpassen ist eine Methode, um Persönlichkeit und Kreativität auszudrücken. Nehmen Sie sich diese Zeit, mit diesem vielfältigen Look etwas auszuprobieren und zu experimentieren. Hier ein Tipp zur Umsetzung: Beginnen Sie mit drei Grundfarben, die zum Stil und Ambiente Ihres Raumes passen. Nehmen Sie z.B. einen rostfarbenen Teller, eine indigoblaue Schüssel und eine terracottafarbenen Brotteller, spielen Sie mit matten und glasierten Oberflächen. Diese Farben bringen Sie gut zusammen, indem Sie über die Muster Ihrer Servietten und Platzdecken diese Töne wieder aufgreifen. Wenn Sie aber auf Muster gänzlich verzichten möchten, nehmen Sie die Farben Ihres Geschirrs z.B. über eine komplementäre Blumendekoration wieder auf.

Serax
Bitz

Natürliche und schlichte Muster

Beton, Holz, Baumrinde, Leder, Stein, Marmor oder gesprenkelte Eierschalen sind Oberflächen, die wir aus unserem Alltag kennen. Sie finden sich auf dem Geschirr von DOIY Design wieder. Auch Pordamsa, die eigentlich nur für die Gastronomie produzieren, habe ich mit aufgenommen, weil sich einzelne Teile auch für meinen Tisch eignen würden.

Doiy Design
Kinta
Pordamsa
Aida Denmark

Handgefertigter Look und organische Formen

Handgefertigtes ist seit geraumer Zeit ein riesiger Trend – aber er entwickelt sich nur so schnell weiter, wie es die Herstellung zulässt. Das Merkmal handgefertigten Designs ist die Schönheit der Imperfektion. Aus diesem Grund wird auch Massenware absichtlich so ungleichmäßig produziert, dass kein Teil dem anderen gleicht. Keine Frage, dass es immer perfekt geformte Teller geben wird, aber sie müssen den Erfolg mit den imperfekten, organischen Formen teilen, weil Kunden gegenwärtig gerade diese Massenprodukte nachfragen, die aussehen, als ob sie von örtlichen Töpfern kommen. Warum aber kauft man dann nicht gleich handgefertigte Waren? Ganz einfach, weil viele sich das handgefertigte Geschirr – Unikate zumal – von ihrer Lieblingsmanufaktur nicht leisten können. Deshalb entscheiden sie sich für Kollektionen großer Hersteller, die die Produktion von Geschirr mit handgefertigtem Look perfektioniert haben und diese Nachfrage abdecken.

Der handgefertigte Ansatz geht über die reine Ästhetik hinaus, um auch zu zeigen, wie sich ein Objekt anfühlt, wenn man es in der Hand hält. Aus diesem Grund sind haptische Oberflächen, die zum Anfassen auffordern, der Renner. Oberflächen, die sichtbare Beulen und Schrammen aufweisen, machen Stücke liebenswerter. Um die Oberflächen stärker zu betonen, greifen einfallsreiche Hersteller auf eine Mischung unterschiedlicher Finishes zurück, was ich persönlich sehr mag. Eine kreideweiche, matte Beschichtung an der Außenseite und ein glasierter Innenteil fordern zum Anfassen auf, lasierte Objekte mit rauen Flecken stimulieren unseren Tastsinn, und unsere Lippen nehmen die rauen und unebenen Ränder von Kaffeetassen wahr.

Selbstverständlich sind Handgefertigtes und Produkte mit einem handgefertigten Look zwei völlig verschiedene Dinge. Handgemachte Objekte sind viel teurer und gehören zu den wertvollen Stücken, die wir unser Eigen nennen, wie etwa das Fine-Dining-Service. Stücke mit einem handgemachten Look sind nur Imitationen der echten Objekte. Sie sind viel preisgünstiger und werden in großer Zahl produziert. Diese Stücke können zerbrechen, und man verschwendet keine Träne darüber.
Man geht einfach dort hin, wo das Teil gekauft wurde, und kann es noch am gleichen Tag ersetzen. Wenn dagegen etwas vom Töpfer Gefertigtes zerbricht, gibt es Tränen, und es dauert sehr lange, bis das gute Stück ersetzt werden kann.

Serax
Kinta
Cookplay
Potpurri Japan

Asiatische Einflüsse mit Holzakzenten

Beim Rundgang über die Messe wurde mir klar, dass wir hier in Europa von Ostasien ebenso inspiriert werden wie seit langer Zeit schon vom bedeutenden skandinavischen Stil. Manche Schüsseln sehen eher wie chinesische oder japanische Schüsseln für Nudeln aus als traditionelle westliche Suppenschüsseln. Tee- und Kaffeetassen sowie Kessel haben einen asiatischen Touch, einige haben Henkel aus Holz und Elemente der Wabi-Sabi-Ästhetik. Diese Kollektionen liegen ebenso im Trend wie die Art und Weise, wie die meisten von uns heutzutage in Restaurants bestellen. Man findet mehr Menüs à la carte, die zum Kombinieren und Mischen einladen als herkömmliche Angebote, die mit einem Salat oder einer Suppe anfangen, gefolgt von einem „typischen“ Gericht mit Proteinen oder Kohlenhydraten bzw. einem Angebot für Veggies. Mit all den kleinen Tellern und Schüsseln jedoch ist die Gestaltung der Speisenfolge nahezu unbegrenzt.

Erfreut bin ich auch über die vielfältigen Akzente, die mit asiatischen Hölzern bei Bestecken und Geschirr auf westlichen Tischen gesetzt werden. Bei Löffeln, Brettern zum Anrichten von Speisen, Schüsseln, Holztellern für Tapas und für die Griffe für Teekesseln und Kaffeekannen wurden viele helle exotische Hölzer verarbeitet, wie z.B. Neem, Bambus und Ahorn.

Stelton
Serax
Miyama Mizunami
Nordal

Ich bin sehr angetan vom New Natural Table, weil er einen guten Stil-Mix ermöglicht und viel Personalisierung und Flexibilität zulässt. Ich hoffe, mein Beitrag zum Ambiente Blog hat Ihnen gefallen. Ich würde mich über Ihre Eindrücke und Gedanken zum vorgestellten Trend sehr freuen. Einen schönen Tag und nochmals vielen Dank.

Holly Becker
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