Eco & Green Plastic – Bloggerin Nina Shell hat Upcycling im Gepäck.

Gastbeitrag Nina Shell (Detail Blog)

Aus Alt macht Neu. Upcycling ist zwar kein ganz neuer Trend, aber Designer und Kreative (er-)finden immer mehr schöne und nützliche Dinge aus recyceltem Material, die groß rauskommen. Da werden ausgediente Feuerwehrschläuche zu Handtaschen oder Mülltonnen zu Möbeln. Nina Shell, Bloggerin und Head of Public Affairs für „Deutschlands größtes Design-Event“ Munich Creative Business Week, stellt hier ihre spannendsten Upcycling-Fundstücke von der Ambiente 2015 vor. Mit dabei: Zuckerrohr, dessen Abfall nun nachhaltiges Einkaufen versüßt.

Dass Öko heute immer häufiger Eco heißt, hat einen guten Grund – und der liegt nicht allein in der fortschreitenden Anglisierung der deutschen Sprache. Sondern steht in erster Linie dafür, dass Öko nicht mehr leicht angeschmuddelt und unattraktiv daherkommt – sich stattdessen durch pfiffiges, durchdachtes und in den meisten Fällen sehr attraktives Design auszeichnet.

Ebenso ist alles, was mit dem Adjektiven nachhaltig, recycelt, wiederverwertet oder unter dem Stichwort „Upcycling“ daherkommt nicht nur vom augenfälligen Ideenreichtum her spannend, sondern auch dahingehend, dass immer neue Methoden entwickelt werden, aus ursprünglichen Abfallmaterialien hochwertige neue Werkstoffe zu gewinnen.

Ein eintägiger Streifzug über die schier unerschöpflich riesige diesjährige Messe Ambiente bringt da so allerlei Erkenntnisse mit sich – nicht zuletzt, dass der Besucher, so er nicht extrem auf eine Produktgruppe fokussiert ist, erstmal angesichts der Fülle schier überfordert ist. Das gibt sich recht schnell beim Streifzug durch die Halle 11, in der sich viele kleine Label, aber auch große Hersteller und Händler zusammenfinden, die man unter den Überbegriffen „Accessoires“ und „Geschenkartikel“ recht gut einsortieren kann.

Ein leuchtendes Beispiel dafür liefert Side by Side, ein Unternehmen, das sich auf die Fahne geschrieben hat, nachhaltiges Design aus Werkstätten für behinderte Menschen zu bieten. Wer da auch nur einen gönnerhaften Gedanken à la Gutmenschentum mit Beigeschmack verschwendet, hat sich gründlich geirrt: „Schön anders“ ist nicht nur das Credo, das hinter den Produkten steht, schön anders ist auch deren Entstehungsprozess. Über 30 Designer stehen hinter den haptisch wie formal ansprechenden Produkten, die allesamt in den Werkstätten der Caritas Wendelstein im oberbayrischen Raubling und in zwanzig weiteren Werkstätten für Menschen mit Behinderung entstehen. Kein Wunder, dass viele Produkte des Labels mit renommierten Designpreisen ausgezeichnet wurden! Neu im Sortiment und richtig clever gestaltet: die attraktive Obstschale Oh Là Là sowie das dekorative Bienenhotel Bees’ Inn, das im Garten oder auf dem Balkon einen perfekten Ort für gefährdete Wildbienen bietet. Stichwort Bienen: Diese liefern Material und Designvorlagen für die interessanten Produkte des französischen Designstudios Marlene Huissoud unter dem Titel „From Insects“. Zunächst sicher noch eher experimentell, aber mit hohem Potenzial zu alternativen wie innovativen Herstellungs- und Gestaltungsmethoden.

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Funktional, praktisch, mit schier unerschöpflichen Einsatzmöglichkeiten wird auch der Bereich Papier/Pappe auf der Ambiente bedient: Leuchten und Objekte aller Art zeigen hier Hersteller wie Cartunia aus Italien mit ihrer Linie von Möbeln und Leuchten aus Karton ebenso wie die Macher von Berlin Boombox: Inspiriert vom guten alten Ghettoblaster der 1980er-Jahre entstehen hier federleichte Soundanlagen und Lautsprecher aus recyelter Pappe in schier unerschöpflichen Varianten – auch eine von internationalen Musikern gestaltete Kollektion ist zu haben.

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Der Weiterverarbeitung von Papier haben sich auch zwei weitere italienische Hersteller mit faszinierenden Produkten verschrieben, von Küchenutensilien bis stylishen Taschen finden sich bei Uashmama mit gewachsten Papierprodukten ebenso wie bei essent’ial: Hier werden nachhaltige oder Abfallmaterialien zu hochwertigen, funktionalen und außerordentlich sehenswerten neuen Produkten verarbeitet.

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Bereits bekannt und doch immer wieder neu zeigen die Berliner Macher von paprcuts schon etablierte Produkte aus (fast) unkaputtbarem und ultradünnem Tyvek; die Kollektion mit Taschen, Täschchen, Etuis und Portemonnaies wird in Sachen Formen, Farben, Machart und Designs ständig erweitert.

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Was aus Glas und Flaschen so alles entstehen kann – außer nach dem klassischen Recycling neues Glas und neue Flaschen – zeigen Laura Jungmann und Cornelius Réer aus Karlsruhe mit ihrer Kollektion SameSame, einer Serie umgeformter Glasobjekte, bei der aus standardisierten Massenprodukten wie der legendären Perlflasche von Design-Legende Günter Kupetz individuelle und hochwertige Einzelstücke entstehen. Auch ein sowieso schon seit sechs Jahrzehnten nachhaltiger Artikel, der schwedische Designklassiker Hinza, befindet sich auf neuen Pfaden: Neben der original Hinza-Kunststoffeinkaufstasche aus reycelbarem Polyäthylen in vielen bunten Farben gibt es jetzt auch noch zwei Varianten in Grün und Lila aus „green plastic“, einem Material aus Zuckerrohrabfällen, das sich rückstandslos verbrennen lässt.

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Als Symbol für Abfall darf sich wohl die klassische Mülltonne zu Recht bezeichnen: Wie die Tonne an sich als Grundlage für witzige und funktionale Kleinmöbel dient, präsentieren Design Fabrika aus Tschechien, die aus alten, ausgemusterten Tonnen vom Barhocker über lässige Sessel (der Tonnendeckel dient als Rückenlehne!) bis zur Bar, Tisch, Hocker, Waschtisch & Co. den Upcycling- bzw. Umfunktionierungs-Möglichkeiten wirklich kaum Grenzen setzt. Dass ausrangiert nicht gleichbedeutend mit ausgemustert sein muss (die Schweizer Macher von Freitag haben mit LKW-Planen schon früh den Geist der Zeit erkannt …), zeigen die Produkte des französischen Herstellers 727 Sailbags, bei denen ausgediente Segel neue Zeichen in Form von Taschen, Kissen etc. setzen.

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Eines meiner persönlichen Highlights ist Beadbags Crispy, ein bereits von der Unesco ausgezeichnetes Projekt, das nicht nur tolle Taschen aus recyceltem tropischem Zementsackmaterial herstellt, sondern diese auch als soziales Projekt in Kambodscha fertigt. Damit nicht genug, eine neue Kollektion, in Design und Materialität ebenso schön wie praktisch, sind die Taschen und Shopper aus aufbereiteten Fischernetzen. Nachhaltigkeit geht auch hier bis ins kleinste Detail: Das Innenleben der tollen Teile ist aus recycelten Plastiktüten gefertigt. Sieht und fühlt man den Sachen allerdings nicht im Mindesten an – vor aus traditionellen Materialien gefertigten Produkten müssen sie sich keineswegs verstecken!

 

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Zu guter Letzt, leicht geschlaucht vom Marathonlauf durch die Messehalle, noch ein schönes Thema, das international wie national bereits viele Designer und Hersteller beschäftigt: der Schlauch. Ob Fahrrad- oder Feuerwehrschlauch, das Zeug ist nach eigentlicher Lebens- und Einsatzdauer in seiner ursprünglichen Funktion viel zu schade zum Verbrennen oder Daseinfristen auf der Müllhalde. Das dachte sich beispielsweise Designer Martin Klüsener, als er vor genau zehn Jahren die erste Feuerwehrtasche entwarf, damals und heute mit der Mission, nachhaltige Mode zu schaffen. Heute, zum zehnjährigen Firmenjubiläum, dürfen sich die beiden Macher, Ideengeber Martin und dessen Bruder Robert, dazu gratulieren, mit trendigen Taschen, Gürteln, Geldbeuteln und Accessoires einen wertvollen Beitrag nicht nur zur Konsumgesellschaft, sondern in erster Linie zu umweltschonender, nachhaltiger und auch sozialer Herstellung geliefert zu haben. Gratulation an Feuerwear!

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Kleineres Format mit ähnlich uferloser Einsatzmöglichkeit liefert das Material Fahrradschlauch: Daraus entstehen beim Berliner Label Stef Fauser Design ebenfalls trendige wie unverwüstliche Taschen und Accessoires, das Material kommt aber ebenso fesch bei Kleinmöbeln zum Einsatz, etwa als pflegeleichter Bezug für gepolsterte Küchen- bzw. Barhocker.

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Fazit: Bei ganz vielen Produkten aus Materialien, die die Welt fälschlicherweise nicht zu brauchen glaubte, die also gemeinhin auf der Müllkippe landen, lässt sich eine kreative Generation von Designern und Produzenten zu wundervollen Produkten mit hohem „Haben-Will!“-Potenzial inspirieren. Gerne mehr davon – spätestens bei der Ambiente 2016! Nina Shell

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