Bühne frei! – Die Trend-Inszenierer.

Design obliegt Trends. Doch welche Tendenzen haben das Zeug dazu, länger als eine Saison Einfluss auf unseren Stil auszuüben? Welche Trends überzeugen langfristig? Antworten darauf gibt das Stilbüro bora.herke.palmisano. Und das in Form von erlebbaren Themenwelten, die Lust aufs Erkunden, Entdecken und Ausprobieren machen.

Was lange währt…
„Der Terminus ‚Trend‘ erfasst vielleicht nicht ganz, wonach wir suchen“, sagt Claudia Herke. „Es geht nicht darum, schnelllebige Modeerscheinungen zu dokumentieren, sondern darum, aus all den Strömungen und Einflüssen diejenigen herauszufiltern, die für eine Stilrichtung von nachhaltigem Charakter stehen. Wir fragen uns: Welcher Trend hat wirklich Chancen?“ Dabei liege die Antwort oftmals im Bewährten, in der Wiederentdeckung, Erhaltung und Weiterentwicklung von Designs, die schon in der Vergangenheit funktionierten und begeisterten. „Ganz gleich ob in der verspielt romantischen oder in der schlichten, eher technischen Stilwelt: Es finden sich immer wieder Produkte, die sowohl funktional als auch begehrenswert sind“, ergänzt Annetta Palmisano und ist mit ihren Partnern Claudia Herke und Cem Bora einig, wie erfreulich der hohe Anspruch von Designern, Herstellern und Verbrauchern an zeitgemäße Produkte und Konsumgüter ist: „Das macht unsere Suche nach Sinn und Wert immer wieder erfolgreich.“

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Inspiration kennt keine Grenzen
Wir treffen Annetta Palmisano und Claudia Herke im Frankfurter Palmengarten. Im vergangenen Herbst, der so mild und sonnig war, dass die Mainmetropole wahrlich in den Farben des Indian Summer erstrahlte. Auf dem Weg zum Palmenhaus halten sie immer wieder inne, bewundern die satten Rottöne und die leuchtenden Gelbnuancen des Laubs. Umgeben von Palmen und exotischer Vegetation in dem schönen Gewächshaus zeigen sie sich fasziniert vom Facettenreichtum der Natur. Dieser inspiriere auch immer wieder Designer und Architekten, sowohl funktional als auch ästhetisch, erklären die beiden und betonen, wie wichtig es für Trendscouts sei, die Augen wirklich überall offen zu halten. Auch jenseits einschlägiger Messen, Modeevents und Einkaufsmeilen. Zudem brauche man auch feste Orte, an denen man die Akkus neu aufladen könne. Ein Museum, ein schöner Park, das Lieblingscafé oder aber ein bestimmtes Reiseziel. Für Annetta Palmisano und Claudia Herke erfüllt diese Funktion die jährliche gemeinsame Reise nach Tokio. „Diese Stadt bietet einfach alles, wonach wir suchen“, sagt Claudia Herke. „Immer wieder begegnen uns dort Neuheiten, die wir in Europa nie gesehen haben. Skurrile Modetrends, außergewöhnliches Store Design, aber auch jede Menge asiatische Kultur.“ Dieser Gegensatz zwischen Neonlichtern und alten Tempeln, „Cosplay“ und Teezeremonie sei es, der die japanische Megametropole immer wieder anziehend für sie mache, bestätigt Annetta Palmisano. „Auch wenn gerade Tokio auf den ersten Blick verrückt und hypermodern wirkt, findet man dort überall Oasen der Ruhe und Belege dafür, dass die Japaner es verstehen, achtsam und voller Respekt mit ihrem Erbe umzugehen und zum Beispiel traditionelle Herstellungsverfahren als kulturelle Schätze zu bewahren.“

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Jäger, Sammler, Bühnenbildner
Das 1990 gegründete Stilbüro bora.herke.palmisano bewegt sich bei seinen weltweiten Recherchen also keineswegs nur in den Bereichen Architektur, Kunst oder Fashion, sondern lässt auch Einflüsse aus Streetstyle, Jugendkultur oder Foodtrends in die Trendsuche einfließen. Auf den Moodboards finden sich neben Runway Looks, Illustrationen und Hochglanzmagazin-Shots auch Schnappschüsse von außergewöhnlichen Locations, Event-Flyer oder Seiten aus Kochbüchern. In Sachen Fashion ist für die Stilexperten das Set-Design bei den jährlichen Couture-Schauen ebenso maßgebend wie Schnitte, Farben und Stoffe der gezeigten Entwürfe. Schließlich kreierten sie zwischen 1999 und 2004 auch eigene Modekollektionen, die unter anderem bei den Schauen in Paris gezeigt wurden und in renommierten Concept-Stores wie Colette und Le Bon Marché erhältlich waren. Schon damals war den studierten Modedesignern Annetta Palmisano, Claudia Herke und dem Berliner Cem Bora wichtig, genreübergreifend zu denken und zu agieren, weshalb zur raffinierten Damen-Mode aus erlesenen Materialien und Stoffen auch zu Stimmung und Thema passende Accessoires wie Schmuck oder kleine Einrichtungsgegenstände zählten. Ganz gemäß dem Namen des Labels: „Things we like“.

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Showtime!
Über den Tellerrand hinaus, das Gesamtbild im Auge. So machen es auch die Modeschöpfer, bei denen das Team aus Berlin und Frankfurt bis heute Inspirationen sammelt. Sowohl bei den Prêt-à-porter-Schauen vor Ort als auch – ein Fortschritt des Internet-Zeitalters – via Online-Streams von den wichtigsten Runway-Events weltweit. Es fallen Namen wie Raf Simons, Alber Elbaz, Nicolas de Ghesquière und natürlich Karl Lagerfeld, der mit seinen Inszenierungen „immer wieder wegweisend ist“. Die Betonung liegt auf Inszenierung. Eine wichtige Definition! „Unsere Arbeit ist ja auch höchst sinnlich“, sagt Annetta Palmisano. „Trends stehen für Stimmungen, für den Zeitgeist. Diese kann man nicht einfach nur analysieren und dokumentieren. Sie müssen erlebbar gemacht werden.“ Und das tut bora.herke.palmisano in Form von Settings und Installationen bei Messen und anderen Events weltweit, darunter auch bei der jährlichen Trendschau auf der Ambiente. Mit einem solchen „Mise-en-scène“, so Claudia Herke, werde Raum für die emotionale Seite der gesammelten und erforschten Tendenzen geschaffen, für Stimmungen und Gefühle, für das, was man mit allen Sinnen erfahren möchte: „Wir erwecken die Themen zum Leben.“ Mit Produkten der Messe-Aussteller, die von den Trendscouts als thematisch passend ausgewählt wurden, aber auch mit Details vom Blumendekor über entsprechende Food-Arrangements, gesammelten Nippes, Fundstücke und Souvenirs bis hin zu eigens vom Stilbüro gestalteten Elementen wie z. B der Tapete. So vielfältig die Einflüsse, so facettenreich auch die Szenerie. „Die Menschen sollen schon im Vorbeigehen erfassen können, worum es geht. Und sie sollen Lust bekommen. Wie beim Betrachten eines tollen Schaufensters.“

Evolution statt Revolution
Vom Skizzenblock des Designers bis in den Handel – es ist wahrlich ein langer Weg, den Trends zurücklegen müssen, bis sie sich etablieren und auch der Prüfung durch das Stilbüro bora.herke.palmisano standhalten. „Oftmals beobachten wir solche Entwicklungen über Jahre“, sagt Claudia Herke und erinnert sich an die erste Raf Simons-Kollektion für Jil Sander. „Damals fungierte die Mode wie so oft als Türöffner für einen Farbtrend, an den sich bereits zwei Jahre zuvor einige Produktdesigner herangewagt hatten. Und heute ist es nichts Ungewöhnliches mehr, dass beispielsweise ein hochwertiges Haushaltsgerät auch in einer auffälligen Knallfarbe erhältlich ist.“ Vor allem beim Thema Farbe müsse man vorsichtig sein, da man sich daran schnell satt sehe. Aber auch generell gelte es, stets objektiv und mit der nötigen kritischen Distanz an die Recherche für Trendaussagen zu gehen, ergänzt Annetta Palmisano: „Man muss einen klaren Unterschied machen zwischen dem Trendverständnis, das nach dem Neuen, Sensationellen strebt, um Woche für Woche Design- und Modemagazine zu füllen, und dem Trend, der als Entwicklung zu verstehen ist.“ Evolution statt Revolution also. Damit definiere sich der Trend als langfristiger Einfluss auf die verschiedensten Lebensbereiche und die Gefühlswelt der Menschen.