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„Too big for one day“ – Abschied von Designer Cédric Ragot.

Cédric Ragot war einer der großen Produktdesigner unserer Zeit. Vielfach preisgekrönt und ein genialer Gestalter, der alles Unnötige wegließ: die Masse, das Volumen, die optische Schwere. Der Franzose verstarb nur wenige Wochen nach seinem Besuch der Ambiente 2015. Am Vortag der Messe trafen wir ihn zum Interview und philosophierten über Katzen, Inspiration und Vergänglichkeit. Wir möchten im Ambiente Blog an ihn erinnern.

„Too big for one day“, seufzte Cédric Ragot kurz vor der Eröffnung der Ambiente 2015. Um alles auf dieser größten Konsumleitmesse der Welt zu sehen, genüge ein Tag nicht. Doch leider könne er nicht länger in Frankfurt bleiben. Zum Gespräch hatten wir es uns im Frankfurter Showroom von Roche Bobois auf einer von ihm entworfenen Couch bequem gemacht. Niemand konnte ahnen, dass es eines seiner letzten Interviews war – der talentierte Designer aus Paris verstarb überraschend am 23. März. Er wurde nur 41 Jahre alt. Wir erlebten ihn als zurückhaltenden und klugen Menschen, sein feinsinniger Humor gefiel uns. Er sah deutlich jünger aus.

Was bleibt
Cédric Ragot hinterlässt ein großartiges Werk. Auf allen Design-Feldern war er zuhause, von der Massenproduktion bis zum spezifischen Einzelprodukt. Namhafte Hersteller wie Panasonic, Paco Rabanne Parfums, Swarovski und Rosenthal schätzten seine Entwürfe. Für Krups kreierte er unter anderem den 3Mix 5000-Handmixer, der 2012 mit dem renommierten „Red Dot Design Award“ ausgezeichnet wurde. Eine Isolierflasche aus Kartoffelstärke für Veuve-Clicquot, eine Henkelbox für das Speiseeis von Häagen-Dazs und vieles Experimentelles mehr. Nicht wenige seiner Möbel- und Interior-Designs sind in musealen Ausstellungen zu sehen. Er war ein anerkannter Meister seines Fachs. Bereits mit 29 Jahren hatte er sein eigenes Studio, in der Tasche das Abschlusszeugnis von der berühmten Pariser Design-Schmiede L’ENSCI-Les Ateliers.

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Grau mit Zwischentönen
Grau sei seine Lieblingsfarbe, erzählte er. Grau auch die große Ledercouch, auf der wir saßen. Eine Couch wie ein freier Elefant – kraftvoll präsent, eigensinnig und sensibel. Kurz, ein Dickhäuter mit viel Persönlichkeit. Sein Entwurf. Robust wie für die Ewigkeit gebaut. „Ich versuche mit meinen Möbeln Geschichten zu erzählen, jeder Gegenstand hat eine Geschichte“, sagte er und strich über das glatte Rindsleder. Sich für eine bestimmte Couch im Wohnzimmer zu entscheiden, sei das Schwierigste überhaupt. Auch ihm falle das nicht leicht. „Denn eine Couch ist im Grunde mehr Architektur als ein Möbelstück. Folglich muss Architektur in der Architektur verortet werden, das Kleinere harmonisch im Größeren – ein Kunststück.“

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Im Zeitraffer
Das Gestern mit dem Heute und Morgen ohne gegenseitige Anbiederung in Einklang zu bringen, stellte ein weiteres Talent von Cédric Ragot dar. Seine „Fast Vase“-Kollektion für das deutsche Traditionsunternehmen Rosenthal steht beispielhaft dafür. Die vom Stil der chinesischen Ming-Dynastie inspirierten Porzellanvasen erklärte er: „Eingefroren in digitaler Beschleunigung. Ich sehe sie als eine Art Zeitraffer und Ausdruck für die rasante kulturelle Veränderung in den letzten 500 Jahren. Auf einer noch tieferen Bedeutungsebene haftet der Vase natürlich auch die Flüchtigkeit und damit die Vergänglichkeit allen Seins an.“ Nachdenkliche Worte. Mit dem ungewöhnlichen Entwurf, der in die Massenproduktion ging, gewann er den weltweit begehrtesten und ältesten Designpreis – den „Good Design Award“, welchen das Chicago Athenaeum, Museum für Architektur und Design seit 1950 vergibt. Darauf war der Designer besonders stolz.

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Alberne Katze
Silly Cat. Was hat bloß eine alberne Katze mit einem Glastisch zu tun? Esstisch, Beistelltisch und Konsolentisch, alles Katzen? Wir hakten nach. Und unsere Verwirrung amüsierte ihn. „Die Tischplatte aus Glas ist mit Silikon fixiert, Silicone im Französischen. ‚Silly Cat‘ ist ein Wortspiel, ein bisschen Silikon, ein bisschen Katze. So haben wir schließlich die Tisch-Serie für Roche Bobois benannt. Und dieser Name bleibt doch haften wie Silikon, nicht wahr?“ Vergessen hatten wir zu fragen, ob er Hauskatzen besitze, und diese ihm vielleicht bei der Arbeit im Studio zuschauten, wie eben Katzen ihren Menschen gern beobachten, mit Ausdauer und sanfter Penetranz. Zu unwichtig. Vergessen auch die Frage, was für ihn Glück bedeute. Wenn man nicht weiß, dass man sich nicht wiedersieht, weil der Tod durchs Land geht, schiebt man die wirklich wesentlichen Fragen oft beiseite. „Meine Inspiration? Für einen offenen und gut gelaunten Menschen ist alles um ihn herum eine Inspiration. So geht es auch mir.“ Dieses Credo, das ihm wichtig war, sehen wir als das Glück, das er in seiner Arbeit fand. Er sprach von Frau und Tochter. „Too big for one day“, seine Einschätzung des kreativen Füllhorns Ambiente 2015, erwies sich als Ahnung für sein eigenes Schicksal. Es gibt Ideen und Pläne, für die reicht ein so kurzes Leben nicht. Seine Geschichten werden bleiben.

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